Wie weit will man gehen?

19. Mai 2010 • Kategorie: Allgemein • Kommentare: 17
Wie weit will man gehen?

Manchmal, wenn ich abends so durch die Kanäle zappe, bleibe ich auf arte hängen. Vorallem dann, wenn eine Doku mit deutschen Untertiteln läuft, deren Hauptsprache Französisch ist. Es geht gar nicht mal so sehr darum, mit welcher Thematik sich die Doku auseinandersetzt, sondern nur darum, dass ich Menschen wahnsinnig gerne Französisch sprechen höre.

In der Dokumentation, die ich zufällig erwischte, ging es um künstliche Befruchtung bzw. um verschiedene Methoden der künstlichen Befruchtung und wie so oft stellte ich fest, das meine Haltung dem gegenüber doch sehr konservativ ist. Auf der einen Seite war da die IVF Methode, die – ganz unwissenschaftlich gesprochen – darin besteht, dass eine Eizelle entnommen und in eine Petrischale gematscht wird. Danach werden Millionen von Spermien drüber gegossen und abgewartet, bis sich eine einnistet. Kwasi der Prozess, der auch im Eileiter stattfindet – zwar außerhalb, aber doch irgendwie noch an die Grenzen der Natürlichkeit reichend.

Das Ganze ist mir schon ein wenig suspekt, wie ich zugeben muss, aber eventuell könnte ich mich mit dem Gedanken anfreunden. Mit der anderen Methode hingegen so gar nicht. ICSI – eine Eizelle wird mit einer Pipette gefangen gehalten und es wird gezielt ein Spermium ausgewählt, um es dort hinein zu pieksen. Während ich mir bei der IVF Methode wenigstens noch einreden kann, dass es ein natürlicher Prozess ist, der halt nur außerhalb des Körpers stattfindet, klappt das bei der ICSI Methode nicht mehr. Da spielt ein Wissenschaftler Gott, wählt willkürlich oder auch meinetwegen bewusst ein Spermium aus und lässt dadurch Leben entstehen ..

Der Gedanke widerstrebt mir zutiefst. Genauso wie diese Genselektion, die uns Kinder aus dem Prospekt liefert, deren Augenfarbe, Haarfarbe, Körperstatur usw. wir bestimmen können. Faszinierend, dass die Forschung es inzwischen soweit gebracht hat, dass gesagt werden kann „Duuu bist das schuldige Gen, du machst Kinder fett, dich entnehm ich jetzt“, aber .. ist das dann wirklich noch das eigene Kind, was man da aufzieht, oder ist es eine Prospektbestellung, die man 9 Monate vor der Geburt tätigte, um dann schließlich sein Produkt in Händen zu halten?

Vielleicht ist die Frage auch viel eher, wie stark ausgeprägt der jeweilige Kinderwunsch ist und ganz vielleicht steht es mir deswegen gar nicht zu, mir eine Meinung zu bilden, weil ich bisher keinerlei Kinderwunsch habe und .. wer weiß schon, wie weit er gehen würde, um seine Träume zu erfüllen?


  1. Nachdem der Artikel seit Februar als Entwurf im Dashboard lag, wollt ich ihn irgendwie endlich loswerden. u_u

  2. Machst du jetzt den UARRR und kommentierst erstmal alles selbst? :D

  3. Schonmal Gattaca gesehen? *g*
    Prinzipiell finde ich, dass es sowas gibt, nicht schlimm. Wissenschaft ist nämlich weder gut noch böse. Allerdings ist es fraglich, wie die Menschen, die sie in Erfindungen anwenden, drauf sind. Wenn es nämlich etwas gibt, wird es auch benutzt. Das war schon immer so und wird auch immer so bleiben. Selbst, wenn es Gestze dagegen gäbe, wird es irgendwo immer möglich sein, so eine Superkinderbasteltechnik anzuwenden.

    Schon eklig irgendwie.

  4. “Manchmal, wenn ich abends so durch die Kanäle zappe, bleibe ich auf arte hängen. Vorallem dann, wenn eine Doku mit deutschen Untertiteln läuft, deren Hauptsprache Französisch ist. Es geht gar nicht mal so sehr darum, mit welcher Thematik sich die Doku auseinandersetzt, sondern nur darum, dass ich Menschen wahnsinnig gerne Französisch sprechen höre.”

    Jaaah!! Genau das hab ich auch! XD

  5. wenn ich das richtig sehe, weiß aber niemand, welches spermium da nun gerade gewählt wurde, oder?
    und wenn man dann eine pid macht, dann kann man auch nur die maker für starke statistische häufung von gen und krankheit diagnostizieren.

    Ich finde das eine sehr schwere Frage, inwieweit man die Möglichkeiten nutzbar machen muss, soll, darf, die es gibt.

    zumal die pid nur bei seltenen schweren defekten oder anderen merkmalen (augenfarbe z.b.) wirklich eindeutig ist.
    sonst bleiben es immernoch nur wahrscheinlichkeiten.

    es fällt leichter gegenüber einem zellhaufen gleichgültig zu sein, als gegen ein kind dessen herz schon schlägt.

  6. @stiller: Nein, es hätte nur nicht in den Artikel gepasst xD
    @Marco: Was mir dabei fehlt, ist das Gefühl der .. Echtheit? Meine Ma hat zwei Kater – wundervolle Tiere, Rassekatzen, irre teuer. Ich hab immer das Gefühl, dass deren Charakter angezüchtet ist. Es ist, als könnte man mir 10 Katzen dieser Rasse hinstellen und sie wären alle gleich.
    @Phil: Leider hab ich meine Liebe zur französischen Sprache viel zu spät entdeckt. Hätt ichs mal in der Schule damals nicht abgewählt >.<

  7. Solange das individuelle Probleme bleiben, mögen solche Techniken tatsächlich der halt individuell zu beantwortenden Fragen der Betroffenen unterliegen: “Wie weit wollen wir gehen?” (Gemeint ist das sich kinderwünschende Paar).

    Man muß sich nur darüber im Klaren sein, daß es sich hier um eine hochpolitische Frage handelt. Denn genau, wie Marco schreibt: Wenn es eine neue Technik gibt, wird sie auch angewendet werden. Es gibt doch jetzt schon bei selbsternannten Eliten einen gezielten Wunsch bei Adoptionen, das Erbgut des Kindes zunächst analysieren zu lassen. Bald wird dann gezielt eingegriffen. Und das bei einer Weltbevölkerung von? 6,7 Milliarden?

    Die Natur selektiert doch selbst – und immer noch auf die natürlichste Art und Weise. “Survival of the Fittest” ist doch kein Schmarrn.

  8. ich liebe Arte – allerdings nicht wegen der franz. Sprache – die mag ich nämlich so garnicht^^ hatte diese 4 Jahre lang und weiß nichts mehr… ok: “apporte avec un portion de pomme-frites” oder so!
    aber die dokus/news sind da immer gut – und abends halt gut einschläfernd^^

  9. Erstmal muss ich Marco zustimmen: Diese Methoden sind neutrale Werkzeuge. Mit einem Hammer kann man ein Haus bauen, das Menschen vor einem Sturm rettet, oder man kann damit Leute zu Tode prügeln. Was passiert, liegt in der Hand desjenigen, der das Werkzeug verwendet. Man kann mit künstlicher Genselektion Krankheiten heilen oder aber Retourten-Kinder züchten.

    Georg muss ich ansatzweise widersprechen: Die Evolution hat sich beim Menschen aufgrund der riesigen Populationsgröße vermutlich extrem verlangsamt, was bei einem ohnehin sehr langsamen Prozess beinahe Stillstand bedeuten würde. Dazu kommt die künstliche Verbesserung der Fittness durch Medizin. Bei uns pflanzen sich also auch “unfitte” Leute fort. Survival of the Fittest gilt demnach nur noch sehr eingeschränkt für den Menschen.

    Es muss in jedem Fall verhindert werden, dass sich Reiche Designer-Kinder bestellen und sich damit sogar genetisch von “Normalos” abgrenzen. Das wäre ja, als ob man die Erbmonarchien wieder einführen würde. Glücklicherweise ist die Wissenschaft noch lange nicht so weit, dass man wirklich genau über alle Gene bescheid weiss und das auch in lebensfähige Individuen umzusetzen.

  10. @stiller
    mein gedanke ;)!

    @Hannah
    das mit den katzen finde ich überdenkenswert… schließlich will ich auch mal zwei solche haben. hm.

  11. @pulegon: Irgendwie ist mir dieser Gedanke schon zuwider, dass da ein Mensch sitzt – jemand wie du, ich, sonstwer – und entscheidet, welches Spermium gewählt wird. Es ist halt “nicht natürlich”, es wird von irgendwem (ja, oke, er hatn Doktortitel usw. aber im Endeffekt ist es ein Mensch) entschieden, welches Spermium es “wert” ist, zu leben und welches nicht. Obwohl potenziell jedes die Chance hat.
    Die PID Methode wurde entwickelt, um Erbkrankheiten zu entdecken und – falls möglich – bereits in diesem Stadium zu verhindern, ja. Gute Sache. Gut find ich nicht, dass die Methode halt – wenn man genug Geld hat – ebenso darauf anwendbar ist, ein Kind zu “generieren”. Den Film “Die Insel” fand ich dem entsprechend gruselig.
    @Dad: Naja, es ist keine “neue” Technik. Nicht in dem Sinne. Keine Ahnung, wann die entwickelt wurde, aber sie WIRD bereits angewendet. Es wird allerdings – so wie ich das las – niemals zu einer “Massenanwendung” kommen, weil das halt irre Geld kostet und der Großteil sich das schlicht nicht leisten kann. Zum Glück?
    @babel: Während der letzten Jahre habe ich die wundervollsten Kurzfilme auf arte gesehen, die ich je sah. Alle irgendwie “künstlerisch”, wobei ich von Filmen generell keine Ahnung hab :D Mein Französisch beschränkt sich auf: C’est la boom dans le greniette und ooou le phantom ela!
    @Teo: In keinstem Fall verurteile ich die Methode. Wir Marco und du sagen: Es ist ein Werkzeug und Werkzeuge kann man nicht verurteilen. Aber es gibt positive und negative Seiten – die negativen überwiegen noch nicht einmal, jagen mir aber einen Schauer über den Rücken.
    Stimmt, man weiß nicht über alle Gene Bescheid, aber über genügend, um sich teilweise ein Kind “zusammenzustellen”
    @rebhuhn: Ich hätte auch gern zwei solche. Weil sie hübscher sind als “Straßenkatzen”. Aber Straßenkatzen haben für mich einen “echten” Charakter, der nicht angezüchtet ist – das gewinnt deutlich.

  12. @Hannah: Ou, dafür kann man Franz bei uns gar nicht abwählen… manchmal wünschenswert^^ gott, ich glaubs nicht, dass ich in 3 Jahren 7 Jahre lang Franz gehabt hab Oo
    Leider haben wir nur 4 / 5 französische Sender, was die Programmauswahl ziemlich einschränkt. Deswegen schaue ich manchmal auch Filme ohne deuten Untertitel und nur mit französischem Gebärdenuntertitel zu schauen. E echt anstrengend, zumal die Franzosen echt schnell reden…
    Du musst aber auf jeden Fall mal “N’oublie jamais” (Wie ein letzter Tag oder i-wie so heisst der deutsche Titel), der Film ist sooo dramatisch und das Französisch verstärkts nur noch mehr…

    So, nun aber mal wieder zu dieser Gengeschichte: ich bin total dagegen, dass sich irgendwelche Superreichen ihre Geniekinder heranzüchten lassen! Ich finde sowas extrem unethisch und lässt uns wieder in eine extreme Klassengesellschaft abrutschen, in dem nur der mit dem dicken Porte-monnaie überlebt und die Armen gar keine Chance mehr haben.
    Desweiteren find ich die IVF Methode doch ziemlich abstossend, wenn ich mir vorstelle, was dort alles zerstört wird Oo Dann doch lieber das 2.

  13. @Phil: Bei uns konnte man es – leider. Abgesehen von Englisch spreche ich gar keine Fremdsprache *seufz* und irgendwie find ich nie die Zeit, eine zu lernen.

  14. Aber wenn ich die Garantie bekäme, die lütten Schieter wären genau so wie ich: ich tät die nehmen.

    :)

  15. @ Teo
    Danke für die Erwiderung. Ich fühle mich geehrt, daß jemandem hier mein Beitrag einen Widerspruch wert ist.

    Ich sehe in Deinen Ausführungen keinen Gegensatz zu meiner These. Wir (die Menschheit) leisten uns die Borniertheit, uns als Zivilisation zu bezeichnen, die die Natur nach ihrem Willen lenkt. Spuckt ein kleiner Vulkan dann Asche aus, werden wir für kurze Zeit etwas kleinlaut und äußern uns bescheidener, aber schon bald halten wir die Natur und deren Gefahrenpotential auch schon wieder für beherrschbar. Siehe explodierte Ölplattform im Golf von Mexiko. Der eigentliche Skandal liegt doch gar nicht dem Untersuchungsergebnis der Schuld, die sich die drei verantwortlichen Förder-, Transport- und Sicherheitsfirmen derzeit bei der Anhörung in den US gegenseitig in die Schuhe schieben. Der Skandal liegt in der entsetzlichen Borniertheit und Geldgier, die dazu geführt haben, daß an diesem Ort überhaupt Öl gefördert wurde. Gleiches gilt für das Amazonas-Becken. Eine unersetzliche Ressource der Spezies Mensch, die leider ebenfalls Ölvorkommen aufweist. Ecuador bietet gerade an, auf deren Förderung zu verzichten, sofern sie finanziellen Ausgleich von der weltweiten Völkergemeinschaft bekommen. Ist das alles nicht pervers? Aber rational formuliert: Wir sind ein Produkt der Evolution. Unsere Gehirne erschaffen das, was wir voller Eitelkeit als Fortschritt bezeichnen. Wir werden weiter so vorgehen, bis wir die Natur kaputt bekommen haben und dann aussterben. Die Natur wird sich erholen. Wir nicht. “Survival of the Fittest” at its best.

    Wir pfuschen der Evolution ins Handwerk, indem wir z.B. in der Medizin immense Fortschritte machen. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts lag die durchschnittliche Lebenserwartung von Männern in Deutschland bei etwas über 50 Jahren. Wir nehmen der Natur ihre Regulative und wir ersticken an der Vermehrung unserer Gattung. Auch unsere ethischen und moralischen Grundsätze widersprechen den Regulativen der Natur. Wir respektieren den Tod nicht als Teil des Lebens, sondern sehen ihn als etwas Übles an und bekämpfen ihn, wo wir nur können. Ist es nicht – bevölkerungstechnisch gesehen – Irrsinn, daß Milliarden Menschen vom Hunger bedroht sind, wir andererseits aber Forschung betreiben, um Pflanzen zu züchten, die wir zu Brennstoffen für unsere Autos verwerten können? In Bangladesh ist es längst Usus, daß man den Großgrundbesitzern ihr Land abpachtet, die dort ansässigen Bauern vertreibt, deren Reisfelder zu Rapsfeldern umbaut. Der Bauer dort kann mit dem Erlös seiner Arbeit als Tagelöhner nicht mehr genug Reis einkaufen, um seine Familie zu ernähren. Und wir denken streng volks- und betriebswirtschaftlich. “Es muß halt auch finanzierbar sein, eine Familie zu gründen und zu unterhalten.” Mit anderen Worten: Laßt sie halt verrecken.

    Nein, ich kann wirklich nicht sehen, daß “Survival of the Fittest” nur noch sehr eingeschränkt für die Menschheit gilt. Nur der Level hat sich verändert.

  16. Apropos menschliche Hybris: http://www.heute.de/ZDFheute/inhalt/15/0,3672,8073935,00.html

    Dabei finde ich es nicht schlimm, dass man da forscht, aber gleich zu behaupten, dass das Leben neu interpretiert werden muss ist etwas überheblich.

    @Georg: Ja, die Menschheit handelt kurzsichtig und wird sich über kurz oder lang selbst ausradieren. Vielleicht schaffen wir es aber eben doch die Population gesund zu schrumpfen. Meine Hoffnung ist da noch nicht erloschen, zumal wir im Westen da ja schon einige Fortschritte gemacht haben.

    Solange der Vatikan Verhütung verbietet und diese Regelung dann auch noch an Orten umgesetzt wird, die von Überbevölkerung stark betroffen sind, kann man die Schuld an dieser Misere nicht allein der Wirtschaft in die Schuhe schieben.

    Übrigens habe ich den Artikel mal geflattrt. Die Diskussion hier ist es mir wert ;)

  17. habs grad gefunden und musste irgendwie grad hier dran denken, als ich es sah
    http://www.youtube.com/watch?v=osWuWjbeO-Y