Bisher gibt es vier Bücher, die mich in der Öffentlichkeit gedemütigt haben. Zum Beispiel, wenn ich ganz alleine in der S-Bahn saß und plötzlich angefangen habe, lauthals loszubrüllen zu lachen. Das hört ja dann auch nicht mehr auf. Ganz im Gegenteil: Die Sätze werden schriller, die Situationen abstruser, der Humor zwingender, meine Grimasse immer breiter, das Lachen fiepsiger – schließlich will man sich zügeln und nicht jeden gottverdammten Blick auf sich ziehen, wodurch die Mundmuskeln sich verkrampfen, man aber nicht aufhören kann, was wiederum dazu führt, dass diese unsäglichen Furzgeräusche entstehen, diese “Brrrps” und “Kchmhpfhchhhhs”, ekelhaft- und zu aller letzt die Scham ins Unermeßliche steigt. Das ist so ziemlich der natürliche Kreislauf. “Vielleicht solltest du auf die Meinung von anderen komplett scheißen. Oder du hörst einfach auf in der S-Bahn zu lesen.” Bei so Ratschlägen würde ich ja schon ganz gerne mal die Freundschaft kündigen. Bis dato gibt es vier Schriftsteller, die mich zum Schämen gebracht haben (warum eigentlich schämen?, die Frage ist viel interessanter): Ahmet Hamdi Tanpinar (Das Uhrenstellinstitut), Michel Houellebecq (Elementarteilchen, bei dem ich übrigens 200 Seiten nach dem ersten Lacher kurz davor stand, in Ohnmacht zu fallen), Charles Bukowski (Hollywood) und natürlich John Irving (Garp).
Bei Irving habe ich immer ein wenig das Gefühl, er schreibe seine Bücher in den Pausen zwischen den Autorenworkshops. Das kann natürlich daran liegen, dass ich bis dato nur Garp, Rettungsversuch für Piggy Sneed und “Letzte Nacht in Twisted River” gelesen habe, in denen die Protagonisten größtenteils Schriftsteller sind, kein Zweifel. Wenn man in Irvings Werke eintaucht, dann fühlt man sich eingeweiht in die Geheimnisse des hohen Schreibstils. Hier ein hilfreicher Tipp anekdotisch verpackt, dort eine in Klammern gesetzte Anleitung für gut strukturierte Plots usw. Alles erscheint nicht nur nachahmenswürdig, sondern gleichzeitig so leicht begreifbar, das Geheimnis scheint nach Schema F zu funktionieren (eine Behauptung, die von jedem Meister seines Fachs so geäußert wird: 90% Handwerk und 10% Kreativität, ob das so stimmt, sei dahingestellt) und vor allem so mühelos zu schaffen. Da fließt literweise Schweiß und alles, was der Leser denkt ist: “Kann ich auch”. Nein, mein Freund, kannst Du nicht.