Irgendwie scheue ich zur Zeit davor zurück, durch das Internet zu reisen. Während es vorher eine Sache der Entspannung war, sich durch die verschiedenen Leben zu klicken und die ein oder andere Anekdote aufzuschnappen, ist es jetzt irgendwie anders. Überall springen mich Worte wie “Titten”, “Schwanz”, “Muschi” oder sonstiges an und hey, ich hab da auch wirklich kein Problem mit, aber was soll das Ganze? Lebten wir noch irgendwann vor Jahrzehnten, würde ich es vielleicht als amüsanten Tabubruch empfinden, der mich allein wegen des Geschmacks des Verbotenen immer und immer wieder locken würde, aber heute – 2010 – weiß ich nicht, was ich davon halten soll.
Es ist wie dieser seit Jahren andauernde Hype um Charles Bukowski. Viele von euch beten ihn an, weil er über seine Alkoholkrankheit schreibt und Tabus bricht, die früher welche waren und schon lange keine mehr sind, aber stets wird ignoriert, dass das, was er schreibt, keine Kunst ist. Es hat keinen Stil und vielleicht ist es das, was anzieht – das Stillose, ich weiß es nicht. Aber wenn ich mir so etwas durchlesen will, wenn ich genießen will, was jemand schreibt und wenn ich die Aneinanderreihung von Worten als Gedankentanz lesen will .. dann suche ich mir nicht Bukowski aus, sondern greife zu Burroughs oder Thompson. Gerade Thompson, der durch seine Art des Schreibens etwas neues schuf, statt sich in eine Reihe mit anderen Schreibern zu begeben, ist es wert, dass man ihm Beachtung schenkt. Stattdessen kennt jeder den Film “Fear & Loathing in Las Vegas”, doch die wenigsten wissen, dass es ein Buch ist. Ein Buch von Thompson. Ein autobiografisch verfasstes Wortgebilde, dass schriftlich ebenso fesselt, wie es der Film tut. Noch weniger wissen, dass Thompson das Genre des Gonzo Journalismus erfand – nicht prägte – und genau das ist der Punkt: Mag sein, dass Bukowski irgendeine Stilrichtung mitprägt – aber es ist nicht seine, während das Gonzo Genre ganz Thompson gehörte und gehört.
(Via)
Ebenfalls irritierend finde ich es, wenn jemand seine Lebensgeschichte ausbreitet. Ich meine damit nicht die Anekdoten, die auf Blogs zu finden sind bzw. die auch hier zu finden sind und sicherlich einen kleinen Teil meines Lebens darlegen. Ich meine damit viel tiefer gehende Dinge, die ich seit Tagen im Buschfunk von StudiVZ beobachte – zumindest dann, wenn ich mich dort mal wieder einlogge, was irgendwie immer seltener geschieht. “Eine dritte Chance bekommst du nicht, du hast mir das Herz gebrochen.” dicht gefolgt von “Danke Mädels, ihr seid die Besten. Gut, dass ich mit dem Penner Schluss gemacht hab. Du weißt schon, dass du gemeint bist.” – Wie peinlich ist so etwas bitte? Niemals würde ich mein Liebesleben öffentlich derart ausbreiten. Es geht euch nichts an, ob meine Beziehung gut läuft, ob ich mit meinem Freund gestritten habe, wie er im Bett ist oder ob ich Schluss gemacht habe und ihn nur für ein totales Arschloch halte. Das geht niemanden etwas an – nur mich, meine besten Freunde und ihn. Wieso sollte ich so etwas öffentlich im Buschfunk darstellen, eventuell über Twitter verbreiten und jammern, jammern, jammern ohne Ende. Wollen diejenigen Mitleid? Aufmerksamkeit? Seien wir doch mal ehrlich: Heutzutage sind die Leute bei StudiVZ oder Facebook nicht mehr – nur – unsere Freunde. Teilweise sind es Fremde, die wir in Social Networks aufgegabelt und hinzugefügt haben, um im virtuellen Schwanzvergleich (hier, zur Befriedigung aktueller Neigungen habe ich Schwanz gesagt) mithalten zu können usw. Das heißt im Endeffekt: Das, was ich in den Buschfunk oder in die Twitter-/Facebook-Timeline schreibe, lesen nicht nur meine Freunde, die mich trösten könnten. Es lesen Fremde.
Und deswegen lese ich zur Zeit kaum, was mich überall zu verfolgen scheint. Ich ignoriere eure Ausbrüche von Genitalworten und Fäkalausdrücken. Ich ignoriere, mit wem ihr Schluss gemacht habt, mit wem ihr fickt und warum euer Leben ja so fürchterlich ist. Aber wenn ihr so weiter macht, werde ich es nicht mehr ignorieren, weil es mich nervt. Es nervt mich, weil ich dem nicht aus dem Weg gehen kann, solange ich mich im Internet bewege – also denkt mal darüber nach, wem ihr was offenbart und kommt mir nicht mit “du kannst es ja einfach überlesen.” – Nein, verdammt, das kann ich nicht. Nicht, wenn ihr es gefühlte 20.000 Mal am Tag in alle Timelines postet, die ich so lese – außer, wenn ich euch unfollowe/euch die “Freundschaft” kündige. Aber dann wär mein virtueller Schwanz ja kleiner.

Also ich würde Dir in zwei entscheidenen Punkten widersprechen; 1. Wer definiert was Kunst, was literarisch künstlerisch oder großartig und bemerkenswert ist? Und da finde ich es anmaßend zu sagen, irgendetwas wäre nicht Kunst. Also mal abseits, dass das in weiten Teilen natürlich eine subjektive Meinung ist -wenn auch nicht kompletrt- ist dein Kriterium von “Worte miteinander tanzen lassen” keines.
Und dann; wieso ist es wichtiger etwas zu erfinden, als etwas zu prägen? Das kann man nicht miteinander vergleichen.
Und zum Seelenstrip; ich seh da keinen großartigen Unterschied; ob ich jetzt online meine Studiumskriese beschreibe, meine Depressionen und Weltschmerzen oder aber Beziehungsprobleme. Es obliegt doch jeder Person selbst, was für sie wie wichtig, wie privat, wie intim ist.
Ich finde das es ein trugschluss ist, zu Glauben das Liebe und Sex das privateste ist- ich zumindest habe bspw. weniger Probleme über soetwas mit fremden Leuten zu sprechen als zB über Dinge die mich beschäftigen, (Geld)probleme, Krankheit…
@Hausschuh: Ich. Hier auf aHeadwork darf ich das ganz allein definieren :D Wie immer spiegelt der Artikel nur meine Meinung wieder – irgendwie bin ich niemand, der ganz neutral über irgendwas schreiben kann. Das ist vielleicht auch der Grund, warum viele Themen hier gar nicht erst aufgegriffen werden: Weil ich keine Meinung dazu hab. Eigentlich fast peinlich, dass hier nix aktuelles zu dem Niebel Skandal usw. zu lesen sein wird, aber .. ich hab dazu nix zu sagen. Wenn du was sagen willst: Schick mir nen Artikel per E-Mail, aber ich kann einfach nicht :D
Was nun Bukowski angeht: Abgesehen von meiner Meinung, dass er keine Kunst erzeugt, kann man auch durchaus – ganz objektiv – sagen, dass er niemand ist, der Worte aneinander reiht, um Gebilde zu erschaffen. Er will draufhauen, er will möglichst hart und ungeschont über die “schmutzige Wahrheit” des Lebens schreiben und meinetwegen tut er das auch irgendwie – das ist in meinen Augen aber nichts künstlerisches.
Ich finde schon, dass es in einigen Bereichen wichtig ist, zu “den Köpfen” im Sinne von “den Erfindern” zu gehören. Wenn man davon ausgeht, dass viele Schriftsteller schreiben, damit die Menschen sich an sie erinnern, ist die Erfindung von etwas sicher der einfachste Weg. Aber vielleicht hast du Recht – vielleicht sind das zwei Dinge, die einfach nicht vergleichbar sind.
Ich seh da nen riesigen Unterschied: Wenn ich meine Studiumskrise beschreibe, beschreibe ich ein Teil MEINES Lebens. Ich offenbare etwas, was mir gehört. Genauso bei Depressionen und Weltschmerzen. Bei Beziehungsproblemen gebe ich Teile her, die nicht nur mir gehören, sondern eben auch meinem Freund/Ex-Freund. Wenn nun also X über Y schreibt, was für ein mieser Kerl er war und dass er sie betrogen hat, stellt sie ihn bloß. Und das ist mir unangenehm. Vor allem dann, wenn ich den Kerl kenne, sie aber besser – wie soll ich dann damit umgehen, dass ich Dinge von/über ihn weiß, die mich gar nichts angehen?
Ich wollte nicht zum Ausdruck bringen, dass Liebe/Sex das Privateste sind, sondern vielmehr, dass bei dem Thema (meistens Oo) mehr als einer involviert ist, diese Öffentlichmachung aber erstmal nur von einem ausgeht. Klar reagiert der andere – was soll er auch sonst tun, aber oke find ich das nicht.
Wie du sagst: Du sprichst eher über Liebe/Sex als über Geld/Krankheit. Das ist also dein intimstes Thema – deine Entscheidung. Dir sollte aber niemand diese Entscheidung abnehmen, worüber du reden willst und was du öffentlich besprichst.
Naja, Du hast schon recht, daher werde ich hier jetzt einfach mal Pimmel – ha! Zu spät! Du hast es gelesen! :))
Den Teil mit Stasivz kann ich so komplett unterschreiben, wohingegen ich sagen muss, dass ich Bukowski mag ;)
Und das Einzige, was gegen den ganzen Timelinedreck hilft, ist nun mal wirklich, seinen virtuellen Schwanz zu verkleinern – ist gar nicht so schwer ;)
Die Frage, wer nun definiere, was Kunst sei und was nicht, ist wahrscheinlich so alt wie die Menschheit.
Wir bezeichnen diese 200.000 Jahre alte Höhlenmalerei von unserem heutigen Standpunkt her als Kunst:
http://www.schrift.biz/images/Hoehlenmalerei.jpg
Dem Jäger, der diese Höhlenmalerei schuf, war die Kunst scheißegal. Er versprach sich von der Zeichnung einen Jagdzauber, die ihm mehr Beute einbringen sollte. Dazu war notwendig, den Büffel so naturgetreu zu zeichnen, wie es ging, um dem Zauber auch Wirkung zu verschaffen.
Die Frau des Jägers dagegen machte ihm Ärger und fragte rhethorisch “Und wer muß den Dreck nun wieder wegmachen? Ich.”
Beuys und Warhol behaupteten, jeder sei ein Künstler. Allein die Existenz mache einen jeden sowohl zum Künstler als auch zum Kunstobjekt. Viele sehen das heute sehr wörtlich und nennen sich und ihre… Arbeiten demzufolge Künstler und Kunst.
Kunst kommt von Können, käme sie von Wollen, hieße sie Wunst. Das aber erwähnten weder Beuys, noch Warhol. Sie setzten es voraus.
Ich selbst kann mich der Anwort auf diese Frage nur gefühlsmäßig nähern. Wenn ich manche Kunst sehe, lese, höre, dann stockt mir der Atem. Charles Dickens Scrooge, Michelangelos Sixtinische Deckengemälde, Musik von Chick Corea – da muß ich nicht fragen, da weiß ich, daß das Kunst ist.
Der Unterschied zwischen Henry Miller und Charles Bukowski ist der zwischen Literatur und Belletristik. Henry Miller schrieb und veränderte mit seinen Texten die Gesellschaft. Ob er das beabsichtigte, ist eine andere Frage. Aber er schrieb aus altruistischen Gründen. Bukowski schrieb, um Geld zu verdienen, machte seine Kaputtness zum Produkt, das vermarktet werden konnte. Nichts an Bukowski ist altruistisch. Deshalb ist es keine Kunst.
Meine Meinung.
@MC Winkel: Selber Pimmel!! :D
@Sören: Ich würd hier noch nicht mal von mögen/nicht mögen sprechen. Ich hab nicht wirklich was gegen Bukowski. Ich mag nur diesen Hype um ihn nicht, weil ich ihn nicht für besonders halte.
@Dad: “Können” ist auch irgendwie Definitionssache. Von welcher Art des “Könnens” reden wir denn. Schreiben kann Bukowski – im praktischen Sinn. Fraglich, ob er es auch im künstlerischen Sinne kann – die Frage ist aber wiederum nicht zu beantworten, nur subjektiv.
Meinst du nicht, dass du mit dem “Frisch gefickt : )” Kommentar auf Facebook eben selbiges tust, welches du hier verurteilst? Gehört das nicht auch in die Sparte “intim/privat”?
Ich persönlich bin ja der Meinung, das eben dieses weder in Facebook, SchuelerVZ noch in Twitter oder sonstige Social Medias gehört.
@Jenny: Ui, du bist ein Troll, ge? Ich dachte, nur große Blogs seien von sowas betroffen.
Wie ich bereits in den Kommentaren erklärte: Es geht mir darum, dass es Dinge gibt, die mir gehören und bei denen ich allein entscheiden kann, ob ich sie öffentlich mache – auf der anderen Seite gibt es aber Dinge, die nicht nur mir gehören, sondern die ich mit anderen teile. Ohne deren Erlaubnis steht es mir nicht zu, derartiges zu veröffentlichen, weil ich damit eine Gegenreaktion provozieren würde, die derjenige vielleicht gar nicht erbringen will.
Du kannst mich ruhig Troll nennen,wenn es dir dadurch ein wenig besser geht.
Trolle kommen doch meines erachtens nur zum Flamen und nicht zum diskutieren,oder?
Desweiteren finde ich deine Aussage über deine Offenheit gegenüber deinem Freund(oder wen auch immer),”ein wenig” zweifelhaft.
Um es nochmal zu verdeutlichen:
Es geht nicht nur um die Missachtung von intim/privat,sondern auch um deine angebliche Ignoranz/Verachtung gegenüber Genitalwörtern und Fäkalausdrücken.Gehört dein primitiver Kommentar “Frisch gefickt :)” nicht etwa dazu?
@Jenny: Ich diskutier mit Trollen und Leuten. Kann das eh nicht auseinander halten.
Ich hab nichts gegen Genital-/Fäkalworte. Ich spicke meine Texte nicht damit, weil das irgendwie nicht zu mir passen würde, glaube ich nicht. Ich kann nicht so überzeugend das Wort “fuck” benutzen, wie es beispielsweise Lia kann. Fühl mich da immer ein wenig unpassend bei – unpassend im Sinne von: Die Worte fühlen sich nicht richtig an, weil ich vielleicht nicht “cool” oder abgeklärt genug bin. Aber das heißt nicht, dass ich damit ein generelles Problem habe. Beispielsweise liebe ich Lia + ihre Texte und die sind teilweise oft mit solchen Worten gespickt. Wie ich schon im Artikel schrieb: Ich hab da kein Problem mit, ich frag mich nur in manchen Blogs, ob damit Provokation gemeint ist, weil .. irgendwie benutzt doch jeder diese Worte Oo Für mich stellen die kein Tabu oder ähnliches dar.
Nachtrag: Oh, mir fiel doch noch was ein, wo ich solche Worte nicht mag – als Beleidigungen etc. Da find ich sie dann tatsächlich peinlich, weil man sich auf dem Niveau nicht unterhält :D
Wow, das geht ja hier wieder mal ab in den Kommentaren. Mal ein bisschen mitmischen.
Also erstmal ist Jenny definitiv kein Troll, wenn du Trolle sehen willst, lies Shopblogger-Kommentare ;) Diese “Frisch gefickt”-Dinger irritieren mich bei Twitter auch immer… aber von der Perspektive aus betrachtet, aus der Hannah hier schreibt, widerspricht sie sich zumindest nicht selbst, weil es ihr (den Kommentaren folgend) darum geht nicht auch noch die Privatsphäre des anderen auszubreiten. Und sie schreibt, soweit ich weiß, ja nicht “Frisch gefickt. War aber doof, Chris kommt immer so schnell.” oder ähnliches. Sei mal jedem selbst überlassen, ob er es gut findet, der Welt mitzuteilen dass man grad Sex hatte.
Aus dem Artikel ging übrigens nicht wirklich hervor, dass es (auch/vor allem) um die Privatsphäre des anderen geht, finde ich. (Hoffentlich war es jetzt auch so gemeint, sonst hab ich die Kommentare auch noch falsch verstanden.)
Es tut übrigens absolut nicht weh, Leuten, die bei *VZ “Freund” heißen, die “Freundschaft” zu kündigen, wenn man sie eh nicht kennt. Ich werd oft komisch angeguckt, wenn jemand mitkriegt, dass ich grad mal wieder meine “Freundesliste” entrümpelt habe – aber maximal 30 Sekunden, dann sitzen die meisten da und stellen fest, dass sie das auch mal tun müssten, aber schon in Dimensionen angekommen sind, in denen das echt Arbeit machen würde.
Für Hinz und Kunz hab ich Twitter. Bei S-S-M-VZ und Facebook hab ich nur Leute, mit denen ich entweder im Real Life zu tun habe oder die ich im Internet kennen gelernt habe und mit denen ich mich gut verstehe und Privatsphäre teile (oder es zumindest ohne schlechtes Gewissen tun würde).
@Konzertheld: Ja, du hast das schon richtig verstanden und ja, das kommt im Artikel nicht so klar zum Ausdruck :D Ich kann auch nach 6 Semestern noch nicht wirklich strukturiert schreiben, sorry xD