Kunst?

24. Juni 2010 • Kategorie: Allgemein • Kommentare: 11
Kunst?

Seit einigen Wochen wiederholt sich zwischen Chris und mir ein Thema, bei dem wir auf keinen gemeinsamen Nenner kommen. Er wirft mir eine einseitige Meinung vor, ich ihm Unverständnis und im Endeffekt läuft es wie bei den meisten Diskussionen darauf hinaus, dass – ganz objektiv gesprochen – wir beide ein wenig Recht haben und er vermutlich etwas mehr als ich. Ich kann von meiner Meinung aber nicht abrücken.

Es geht um Bücher. Genauer gesagt geht es um verfilmte Bücher. Das Ganze fing an, nachdem ich Alice im Wunderland von Tim Burton gesehen hatte – ein irgendwie guter Film, ja, aber es war nicht Alice im Wunderland. Tim Burton hat – wie eigentlich bei allen Filmen, die ich von ihm kenne – etwas ganz Eigenes daraus gemacht. Der Film, den ich sah, hatte kaum noch etwas mit Alice im Wunderland zu tun, abgesehen davon, dass die Figuren aus dem Buch geklaut waren, ebenso wie Teile des Plots – wenn auch nur geringfügig. Und genau dort liegt mein Problem: Während Chris das als Kunst bezeichnet und das “Werk Burtons” als solches anerkennt, kann ich das nicht sehen. Mag sein, dass das gar nicht mal so einfach ist, einen bzw. solch einen Film zu drehen und ja, klar, der Kerl hat sich bestimmt Mühe mit dem Ausleuchten, den Kameraeinstellungen und allem anderen gegeben, aber für mich ändert das nichts daran, dass es nicht sein Werk ist/war, sondern vielmehr das von Carroll. Er hatte die Idee zum Buch. Er hat die Figuren lebendig gemacht. Er hat den Hutmacher ins Leben gerufen, das ständig in Zeitnot geratende Kaninchen, die singenden Blumen .. Das alles ist von ihm. Nicht von Burton. Burton hat damit gearbeitet und .. das widerstrebt mir. Er hat mit einer Welt gespielt, die nie im gehörte und ganz gleich, wie viel Mühe er sich geben würde – sie könnte niemals wirklich ihm gehören.

Es erscheint mir respektlos, dass Burton sich eine Geschichte von irgendjemandem schnappt, sie verändert und ihr seinen Stempel aufdrückt. Für sich genommen mag das eine Art Leistung sein, aber trotzdem bleibt da dieser fade Beigeschmack und dieses Bedürfnis, ihn des Diebstahls zu bezichtigen.

Kurz danach sah ich Blade Runner. Ja, ich weiß, erschreckend, dass ich den Film nicht kannte, ge? Als ich zu Chris sagte “Oh, cool, ein Film von Philip K. Dick.”, antwortete er leicht irritiert, dass der Film von Ridley Scott sei und ich frage mich ernsthaft, wie viele Menschen auf der Welt das noch glauben, wodurch wir direkt zum nächsten Problem kommen: Die Wunderbarigkeit dessen, was der Autor erschaffen hat, geht völlig verloren, weil .. er vergessen wird. Auf einmal ist Blade Runner von Ridley Scott, Fear & Loathing in Las Vegas ist von Terry Gilliam und Per Anhalter durch die Galaxis gehört Garth Jennings. Vergessen sind Philip K. Dick, Hunter S. Thompson und Douglas Adams. Vergessen sind die Erdenker dieser Werke und in den Vordergrund treten die Regisseure, die mit Geschichten spielten, die nicht ihre sind. Zugegeben: Ridley Scott hat aus Blade Runner etwas gemacht, was ziemlich exakt die Atmosphäre einfängt, die auch in dem Buch vorhanden ist und fesselt. Aber für mich heißt das nicht, dass er eine gute Arbeit abgeliefert hat. Für mich heißt das, dass er das Buch verstanden und gut adaptiert hat. Irgendwie eine Leistung, ja .. aber nicht seine.

Das Ding ist: Ich weiß, dass die Regisseure Arbeit hatten. Ich weiß, dass sie sich Mühe gaben und dass sie gute Filme gemacht haben (naja, bis auf Garth Jennings vielleicht, da war der Film nicht so wirklich gut), aber würde ich ihnen begegnen, ich sagte nur höflich Hallo, während ich mich nach denen umsehe, die wirklich etwas erschaffen haben, was auf seine Art ganz unverwechselbar und echt und gut ist. Hätte ich eine Frage zu einer Figur, würde ich die Antworten nicht in einem Interview mit den Regisseuren suchen. Wie kann jemand die Figuren eines anderen erklären wollen? Das, was letztendlich in einem Buch steht, das, was dort über die jeweiligen Figuren zu finden ist .. das ist nur ein Bruchteil dessen, was der Autor über sie wirklich weiß. Das ist nur der Bruchteil, der am Plot orientiert Sinn ergab und dazu gehörend im Buch verewigt wurde. Aber in Wahrheit ist da viel, viel mehr, was nie publiziert wird, weil es plotbedingt nicht interessant genug ist, trotzdem aber einen so wichtigen Teil der jeweiligen Figur ausmacht, dass ein Außenstehender nie dazu in der Lage sein kann, die Figur wirklich zu kennen.

Und zumindest Kathy bzw. jeder, der schon einmal eine Figur erfunden hat, wird mir zustimmen können, dass da hinter jeder Figur und jedem Satz mehr steckt, als schwarz auf weiß zu lesen ist.


  1. Prinzipiell stimme ich dir zu, aber wo “prinzipiell” steht, kommt auch noch ein aber:
    Ich sehe das nicht ganz so eng. Regie ist auch eine Kunst und wie du schon bei Blade Runner sagtest, es gehört einiges an Können dazu (hier bitte den Spruch mit Wullst einfügen), das ordentlich zu machen. Ein weiteres gutes Beispiel ist die Herr der Ringe-Trilogie, die Peter Jackson nach den Büchern von JRR Tolkien umgesetzt hat. Und das meisterhaft!
    Ich bin in den allerallermeisten Fällen von Romanverfilmungen enttäuscht, aber dafür weiß ich gute umso mehr zu schätzen. Andererseits ist dafür nicht alleine der Regisseur zuständig, sondern zuallererst mal der Drehbuchautor. Der im Fall von HHGTTG übrigens zum großen Teil DNA selber war. Einige Details, die nicht in den Hörspielen, der TV-Serie oder dem Buch drin war, hat er selber in den Film eingefügt. Aber das ist eh ein Spezialfall, da es nicht von Anfang an als Buch ausgelegt war.

    Um zum Thema zurückzukommen: Die eigentliche Frage lautet ja nach Originalität. Ein Remake eines alten/ausländischen Films ist in gewissem Sinne das Gleiche wie eine Romanverfilmung und auch da gehört eine gewisse Kunst dazu, es gut zu machen. Du bemängelst ja vor allem, dass Burton (stellvertretend) sich nicht die Geschichte ausgedacht hat. Das hat er aber auch bei allen seinen anderen Filmen nicht, denn das ist nicht seine Aufgabe. Er setzt um, was die Drehbuchautoren ihm vorsetzen.

    Es ist in Deutschland und vor allem auch in den USA ein Unding, dass sich so auf den Regisseur konzentriert wird, wo die eigentliche Arbeit vom Autoren kommt. Wenn das Drehbuch scheiße ist, kann niemand mehr was retten. Ist es jedoch super, so kann immer noch viel schief gehen. Aber das ist wieder ein ganz anderes Fass und deswegen habe ich mich in den letzten Jahren so gierig auf UK-Serien und Filme gestürzt, da dort eine andere Mentalität herrscht, der Schwerpunkt mehr auf die Autoren gelegt wird. Darüber können wir aber dann ein anderes Mal diskutieren :)

  2. Vielleicht muß man hier trennen?

    Ein Buch lesen ist für mich Kopfkino. Ich versinke in der Geschichte, die Protagonisten bekommen in meiner Phantasie ein eigenes Aussehen, das ich natürlich in sie hineininterpretiere. Aber genau aus diesem Grund ist es MEIN Film, der mir unvergessen bleibt, solange ich an das Buch oder an den Autor denke.

    Verfilmt nun ein Regisseur ein Buch, so ist meine Erwartungshaltung mittlerweile äußerst niedrig. Denn ich habe ja meinen perfekten Film zum Buch schon im Kopf. Der Film des Regisseurs kann dem gegenüber ja nur schwächeln. Es ist SEIN Film zum Buch, nicht MEINER. Bis auf ganz wenige Ausnahmen (z.B. Herr der Ringe) fand ich die Verfilmungen von Büchern bisher immer enttäuschend.

    Was ich ebenso wie Du empfinde, ist die Ungerechtigkeit der Zuordnung. Die Idee des Buches geht fast immer vom Autor auf den Regisseur über. Da mag dieser noch so korrekt auf das Buch hinweisen. Aber das liegt meiner Meinung nach nicht daran, daß visuelle Bilder um ein Vielfaches stärker wirken als gelesener Text. Sondern daran, daß doch leider immer weniger Menschen lesen. Dabei ist Lesen genau das, was ein Regisseur macht: Ein Umsetzen von Text in Kopfkino. Beim Lesen bin ich selbst der Regisseur, kann alle Requisiten, Personen uvm. so auswählen, wie es für mich optimal ist.

  3. Burton hat übrigens ne Menge eigener Filme, nach eigener Idee gedreht – aber das nur am Rande :)

  4. Haha, sehr schön, dass Georg und ich das gleiche Beispiel nennen :)

    Chris, ok, wenn Burton auch noch schreibt, dann ist er eine Ausnahme, die aber beim Unterschied Regisseur/Buchautor nicht relevant ist.

  5. Niemand vergisst Douglas Adams! :-O

    Ich bin da mehr der Meinung von Chris. Ich halte es für Kunst alte Geschichten neu zu interpretieren, oder die Figuren in einen anderen Kontext zu bringen. Ich finde dazu gehört viel Phantasie.

    Wenn ein Autor vergessen wird ist das natürlich schade, aber Douglas Adams ist hier denke ich nicht das beste Beispiel. Es kommt halt immer auf den Autor an. Denn wer würde schon vergessen, das Shining von Stephen King ist.

  6. Ach ja, und es gibt das ganze sogar in andersrum! Hätte David Fincher Fight Club nicht verfilmt, wäre Chuck Palahniuk nie entdecktwurden :) Zugegeben, kommt seltener vor.

  7. Bei Alice im Wunderland darf man dir widersprechen, denn Burton hat nicht das Buch als solches verfilmt, sondern quasi eine Fortsetzung.

    Allgemein würde ich sagen, dass Literaturverfilmungen ein alter Zweig der jetzt umso mehr erblühenden Remix-Kultur sind. Man nimmt etwas von einem anderen Urheber und macht etwas damit, was dem Stoff hoffentlich etwas bringt. Im Falle von guten Filmen, findet man oft neue Lesarten für den Stoff im Buch. Ausserdem wird das Medium gewechselt. Die Anforderungen an einen Regisseur sind ja teils ganz andere, als an einen Autor.
    Der Urheber des Buches bleibt dabei aber immer noch der Urheber des Buches. Der Regisseur bleibt der Regisseur. Das muss man einfach trennen, um die Leistungen der einzelnen Mitwirken einschätzen zu können. Genau deshalb werden die ja auch explizit im Abspann aufgeführt.

  8. @Julia: Ich hoffe es wirkte nicht so, als würde ich Filmen das Recht absprechen wollen, Kunst sein zu können – so wars nicht gemeint. Ich sehs auch nur in Hinsicht auf Buchverfilmungen so kritisch und wie bei dir, ist es auch bei mir: Bisher haben mich fast alle Verfilmungen enttäuscht.
    Englische/Britische Sachen sind ohnehin genial :D Wie kann man Serien widerstehen wollen, in denen die Schauspieler einen britischen Unterton haben – wundervoll <3

    @Dad: Natürlich muss man trennen. Der Regisseur verfilmt sein Kopfkino – das ist auch oke, aber dass der eigentliche Autor dabei oft verloren geht, passt mir nicht.

    @Sumi: Ich will nicht wissen, wie viele Leute noch nie von Douglas Adams gehört haben, dafür aber den Film kennen :D Dasselbe bei Shining. Noch extremer find ich es bei Disneyproduktionen. Ich mag Disney, aber viel zu oft wird gar nicht klar, dass das meiste Adaptionen von Büchern sind.

    @Teo: Mhh, mein Problem ist – ich hab den Film nur geguckt, weil ich Alice im Wunderland liebe und das war vermutlich keine gute Voraussetzung dafür, den Film letztendlich zu mögen. Wüsste ich nicht, dass die Figuren usw. aus Alice im Wunderland geklaut wären, fänd ich den Film klasse. Der ist irre gut gemacht und wirklich cool, aber .. es kommt mir einfach irgendwie falsch vor.
    Ich stimm dir zu, dass man da trennen muss, aber es gefällt mir nicht, dass der Autor (zu) oft vergessen wird und der Film in den Vordergrund tritt, weil er ein größeres Publikum hat bzw. generell verfilmte Dinge eine höhere Reichweite haben. Es ist, als käme es kwasi darauf an, wie bekannt der jeweilige Autor vorher war – bei Herr der Ringe wurde ja beispielsweise sogar damit geworben, dass Tolkien (endlich) verfilmt wird. Weil man sich seine Berühmtheit zu Nutzen machte. Das fällt aber bei unbekannteren Autoren weg. Kann mich nicht erinnern, dass ich je eine Werbung sah, die mir sagte, dass die Romane Blade Runner oder A Scanner Darkly von Philip K. Dick verfilmt wurden – einfach, weil er nicht bekannt genug ist, als dass man auf ihm aufbauen könnte.
    Und mal ehrlich .. wer “liest” schon den Abspann? Der Abspann ist im Kino der Moment, in dem alle aufstehen, im Dunkeln ihre Sachen packen oder sich von demjenigen lösen, mit dem sie rumgeknutscht haben. Der Abspann wird nie beachtet.

  9. Das Verständnis von Kulturgütern spielt hier, glaube ich eine wichtige Rolle.
    Wenn ich ein Buch lese, entsteht eine Art Film in meinem Kopf. Bei Regisseuren ist das auch so, aber sie schütteln ihren Schädel dann mit beiden Händen, ziehen den Film aus ihrer Nase und zeigen diesen ein paar Freunden.

    Das Remixen, Neuinterpretieren und Kombinieren von Inhalten ist schon seit jeher integraler Bestandteil unserer Kultur und führt zu kulturellem Fortschritt und Vielfalt.

    Dass der eigentliche Autor der Geschichten oft vergessen wird, ist nicht die Schuld der Regisseure, sondern des Marketings. Statt “Chronicles of Narnia: XXX” könnte man ja auch “C. S. Lewis’ Chronicles of Narnia” schreiben. Macht man aber meistens nicht.

  10. Oh, danke Teo. An das mit der Vielfalt hab ich tatsächlich noch gar nicht gedacht Oo Stimmt. Wobei ich das – kulturell gesehen – auch wieder ein wenig mh ausgrenzend finde? Beispielsweise kenne ich jetzt nicht wiiirklich viele Filme (weil ich mehr lese, als gucke :D), aber die, die ich kenne, sind aus Amerika, Deutschland oder maximal noch aus Frankreich.
    Ich hab nicht die geringste Ahnung, wie viel Einfluss ein Regisseur und/oder Drehbuchautor nehmen kann? Haben die marketingtechnisch die Möglichkeit, sowas zu sagen, wie “Hey, aber da soll der Autor erwähnt werden” ? Falls ja und sies nicht tun, tragen sie eine Mitschuld. Falls nein, bin ich ab jetzt aufs Marketing sauer :D

  11. Ich vermute mal das zauberwort heißt Intertextualität, denn genausowenig/genausoviel die Tim Burton irgendetwas geklaut/adaptiert hat, haben es auch viele Schriftsteller getan, die die Geschichten irgendwo gehört haben und neu verarbeitet, die inspiriert worden sind, die geschichten kombiniert haben… Literatur entstehen ja nicht in einem leeren Raum…