Bahnfahrt, ahoi.

5. Juli 2010 • Kategorie: Allgemein • Kommentare: 7
Bahnfahrt, ahoi.

Ich sitze in der Bahn, auf dem Weg zu meiner Mama, die morgen Geburtstag hat und auf dem Weg zu meinem Bruder, der gestern Geburtstag hatte. Vor mir sitzt ein älterer Herr, der mich .. anstarrt. Wohlwollend, wie ich meine, wobei ich „wohlwollend“ übersetzen würde mit: Er lächelt. Er lächelt stetig. Er erinnert mich ein wenig an einen in die Jahre gekommenen Hannibal Lecter, der gerade ein ganz exkwisites Stück Fleisch vor sich hat.

(Via)

Neben mir liegt das Buch „Die Eleganz des Igels“ von Muriel Barbery und nachdem ich bereits die ersten Seiten verschlungen habe, weiß ich, dass es eine gute Idee war, bei dem von Marcel initiierten Lesezirkel mitzumachen. Rein zufällig sah ich vor einigen Wochen die Romanverfilmung, ohne zu wissen, dass es sich um eine Romanverfilmung handelt und schon da war ich ein wenig in die detaillierten Charaktere verliebt. Ich bin gespannt, ob das bloß die „Freiheit“ des Regisseurs war oder ob das Buch tatsächlich so gut ist – ihr wisst ja, normalerweise halte ich zum Buch, nicht zum Film, aber der Film war wirklich ganz grandios.

Hinter mir sitzen einige Studentinnen und sobald ich ihnen zuhöre, werde ich ein wenig wehmütig. Ob ich mich auch so anhörte, als ich gerade angefangen hatte? Ganz stolz erzählen sie von den 2000 Seiten, die sie in den letzten Monaten gelesen haben, von den zwei Hausarbeiten, die sie in diesem Semester schreiben müssen und von den Dozenten, die ja alle so viel verlangen. Das einzige, was ich mir dabei denke, ist: Haltet ihr lange genug durch, um noch festzustellen, dass studieren überhaupt nichts spaßiges ist? Zumindest vorrangig heißt ein Studium einfach nur Arbeit, Arbeit, Arbeit. Das ist nicht so wie im Fernsehen, wo die Studenten ständig ihre Parties feiern. Keine Ahnung, wie die das hinkriegen, aber was auch immer das für Gestalten sind: Die gehören nicht zu denen, die einen (guten) Abschluss kriegen.

Seit ich meinen Laptop ausgepackt habe, starrt der Herr mich noch wohlwollender an. Was er sich wohl denkt? Soll ich ihm erklären, dass ich zur Web 2.0 Generation gehöre? Ich weiß nicht, ob ich ihm das erklären wollen würde. Stattdessen klappe ich jetzt den Laptop wieder zu und spiele ein wenig mit meinem Smartphone rum, das er sicher nur als Telefon, nicht als Web 2.0 Gerätschaft erkennt. Hoffentlich verschwindet sein wohlwollendes Lächeln noch. Sollte er mich fragen, ob ich Chianti dabei habe, renne ich weinend davon und schreie irgendwas unzusammenhängendes über Hannibal Lecter. Vielleicht sollte ich auch einfach weniger lesen.

Inzwischen bin ich umgestiegen, habe den wohlwollend lächelnden Mann hinter mir gelassen und sitze stattdessen einem “Ich will nicht alt werden”-Mann gegenüber. Sein Haar hat sich länger weit hinter seine Stirn zurückgezogen, Falten sind sowieso schon zu sehen, aber ganz stolz erzählt er seiner Begleiterin, wie hart er am Woche gefeiert hat und dass er danach zu nichts mehr zu gebrauchen war. Das einzige, was ich mir denke: Werd erwachsen. Oh, bitte, werd erwachsen. Kann trotzdem nicht von ihm weggucken, weil schräg daneben einer sitzt, der seine Popel frisst.

Bahnfahren kann so lustig sein.


  1. “Wer was erleben will der muss eine Reise machen” oder wie war das?!
    Manchmal ist die Reise spannender als der eigentliche Aufenthalt.

  2. Bei meinen früheren, regelmäßigen Fahrten nach Frankfurt, ging es mir genau so. :D Dauernd irgendwelche Leute, zu denen ich mir Geschichten ausdachte. Besonders mochte ich es, wenn ich in einem Abteil saß, in dem keine Figur der anderen Ähnlich war alle iwie total individuell. So wie in Filmen, wo die Menschen mit absicht unterschiedlich sind. Verstehst du was ich meine?^^ *wirr*

  3. Ich hätte mich beängstigt gefühlt, hätte mich jemand so lange so durchdringend angestarrt! D:

  4. Glaub’s endlich: Hannibal Lecter lebt zwar, aber er fährt grudsätzlich 1. Klasse, Kind. Also wie, bitte, solltest Du ihn je kennenlernen?

    Iß nicht wieder soviel Kuche, rülps nicht bei Tisch und verschlaf morgen nicht.

  5. Du beleidigst mich hier ohne Grund. Das ist total unfair. Wir können feiern und haben trotzdem gute Noten. pft. *Popeless*

  6. Du studierst das falsche :) Oder du definierst gute Noten anders :D

  7. Bahnfahren ist eigentlich immer schön (interessant)!