Wimpernwünsche

8. Juli 2010 • Kategorie: Allgemein • Kommentare: 6
Wimpernwünsche

(Via)

Eine Wimper hängt auf meiner Wange, ich spüre das Kitzeln vielleicht, aber es ist so sanft, dass ich es kaum wahrnehme, ehe der Finger meiner Mutter leicht darüber streicht. “Wünsch dir was.”, sagt sie und hält mir ihre Fingerspitze vor die Lippen. Ich puste, die Wimper fliegt zu schnell, als dass ich sähe, in welche Richtung es sie weht und ich wünsche mir etwas. “Man darf seinen Wunsch nicht verraten, sonst geht er nicht in Erfüllung.”, erklärt sie mir, so, wie sie mich jedes Mal daran erinnert. Als könnte ich es vergessen.

Mit den Jahren variieren die Wünsche, die mit den verlorenen Wimpern in die Welt hinaus fliegen – ebenso wie die Fingerspitzen, von denen ich sie davon puste. Mal sind es noch immer die meiner Mutter, mal die von Freundinnen oder Freunden. Viel zu oft meine eigenen, die noch rechtzeitig bemerken, dass es eine Wimper ist, die dort kitzelt und sie einfangen, ehe sie ohne einen Wunsch verschwinden kann.

“Wünsch dir was.”, murmelt eine Stimme stets in meinen Gedanken. Stimmen meiner Vergangenheit oder Gegenwart. Und immer fliegen sie, die kleinen Wimpern, die trotz ihrer kaum gegebenen Sichtbarkeit die Last eines jeden Wunsches tragen können.

“Wünsch dir was.”, murmelt auch jetzt eine Stimme und automatisch puste ich die Wimper von meiner Fingerspitze aus dem Fenster hinaus, und sie ist bereits weg, ehe mir bewusst wird, dass sie nichts mit sich trug. Da war kein Wunsch in meinem Kopf, kein geflüstertes Wort auf meinen Lippen. Manchmal sind alle Wünsche schon gewünscht.


  1. Schön. Einfach nur: schön.

  2. toll, wenn man wunschlos glücklich ist :D

  3. Uh. Ich mag’s :)

  4. Gerade heute Morgen habe ich eine Wimper hauchend auf die Reise geschickt.
    Silvesterwünsche gehen bei mir immer in Erfüllung. Und Sternschnuppenwünsche. Das ist fast unheimlich.
    Aber Wimpernwünsche sind mir am liebsten – wenn man diesen Moment hat Luft zu holen, bevor man seinen Wunsch mit geschlossenen Augen zusammen mit dem Atem entlassen kann.
    Ein sehr zerbrechlicher Text und ich mag das Bild sehr!