Eszet-Schnitten

05.08.10

Kennt ihr dieses schmuddelige, rebellische Gefühl, dass zum ersten Mal irgendwann in der Pubertät auftritt und dafür sorgt, dass wir von da an hormonell gesteuerte Ausbrüche unseren Eltern gegenüber zeigen, die diese weder verstehen noch akzeptieren können? Dieser Gedanke in unserem Kopf: „Nein, du hast Unrecht.“ – ganz gleich, worum es überhaupt geht? Käme ein solcher Gedanke von einem Fremden, einem Freund oder sonst Jemandem .. er wäre oke. Aber sobald etwas aus dem Mund unserer Eltern kommt, bedeutet es in der Zeit einfach nur eins: Du willst mich bevormunden, traust mir nichts zu und verdammt, halt dich doch einfach aus meinem Leben raus.

Schwieriger wird das Ganze, was ohnehin schon schwierig genug ist, wenn es um familiäre Rituale und Traditionen geht, bei denen man in dem Alter denkt, dass es sich um die fiktive Aufrechterhaltung von Familienbewusstsein geht, während in Wahrheit doch alles scheiße scheint – zumindest all das, was irgendwie mit Familie zu tun hat. „Da hab ich keinen Bock drauf.“ – der wohl häufigste Satz meiner Jugend, dicht gefolgt von „Das war ich nicht.“, „Das war schon so.“, „Das hat Dennis gemacht.“1 und „Ich bin dann mal weg.“

Komisch ist: Ich erinnere mich zwar an die Zeiten, in denen ich nicht da war und mich mit mehr oder weniger glaubwürdigen Ausreden davonstahl, um „mein eigenes Leben zu leben“, aber noch viel besser erinnere ich mich an die Zeiten, in denen ich eben nicht weg war. Eigentlich gab es bei uns gar keine wirklichen Familientradionen bzw. nur wenige. Da war das nach oben schicken vor der weihnachtlichen Bescherung und wir durften erst runterkommen, wenn das Christkind mit seinem Glöckchen gebimmelt hat, das Schuhe vor die Tür stellen, damit der Nikolaus sie füllen konnte .. Dinge, bei denen selbst ich nicht auf die Idee kam, auszubrechen. Aber da waren auch Kleinigkeiten, die einem Kind oder Jugendlichen irgendwie nichts bedeuten, im Endeffekt aber wohl wirklich die Dinge sind, die eine Familie ausmachen (zumindest für mich): Gemeinsam Mittag-/Abendessen oder am Wochenende frühstücken. Mit der Zeit begann ich, mich vor dem Mittagessen zu drücken. Entweder, weil ich keinen Hunger hatte oder weil ich nicht das essen wollte, was meine Mutter kochte und stattdessen lieber auf Tiefkühlpizzen oder diese gefrorenen Bauklötze zurückgriff, die nach einigen Minuten in der Pfanne zu Nudeln mit Spinat und Gorgonzolasoße wurden. Auch das Abendessen fiel immer öfter aus, weil ich irgendwann zu der ein oder anderen Freundin verschwand und dort entweder über Nacht blieb oder erst so spät zurück kam, dass das „gemeinsame“ Essen längst vorbei war. Aber an die Frühstücke erinnere ich mich.

Es gestaltete sich immer gleich: Brötchen und Mürbchen als Grundlage, Eszet-Schnitten oder Wurst/Käse als Belag und immer war es so, dass nur die Eszet-Schnitten nie auszureichen schienen. Regelmäßig stritten mein Bruder, mein Dad und ich uns um die Schokoladenscheiben und vielleicht ist das der Grund, warum meine Ma sie irgendwann einfach aus unserem Haushalt verschwinden ließ. Ich erinnere mich an einige Frühstücke und während es anfangs wirklich immer diese Schnitten gab, wurden sie mit der Zeit durch Nutella, Milky-Way-Creme, Zartbitter-Orangen-Aufstrich und, und, und ersetzt.

Heute wurde mir dann auf einmal klar2: Ich habe jetzt meinen eigenen Haushalt. Ich kann essen, was ich möchte und zwar ohne, dass ich es mir mit irgendwem teilen muss bzw. ohne, dass ich den Kühlschrank öffne und das verschwunden ist, worauf ich grad am meisten Lust habe. Ist ja wohl klar, was ich mir prompt kaufte?

  1. Dennis ist mein Bruder
  2. An dieser Stelle muss ich anmerken, dass ich das selbst in den letzten drei Jahren nie ganz begriffen habe und mich immer neu erinnern muss

Kategorie: Kindheit

Vielleicht, wenn alles anders wäre ..

Social Bookmarks
  1. stiller

    Die gibt es noch? Toll. Bei uns gab es früher im Wald ein kleines Restaurant und wenn wir wandern waren, gab es für mich als Kind immer ein Glas Milch und ein Brot mit Eszet-Schnitten. Das hatten die da auf der Speisekarte. Groß. Das Restaurant gibt es noch, das Eszet-Schnittenbrot nicht mehr, seitdem boykottiere ich den Laden.

  2. Laura

    Ich hab auch schon öfter von diesen eszet Schnitten gehört und laufe auch jedes Mal im Supermarkt dran vorbei, aber probiert habe ich das noch nie, weil ich den Gedanken von Schokoladenscheiben aufm Brot irgendwie… komisch finde. Aber wenn so viele Leute davon schwärmen, sollte ich das vielleicht auch mal versuchen. Wird immerhin nicht so schnell schlecht wie Käse.

  3. Melli

    Ich liiiehieebe Eszet.

  4. Lisa

    Eszet sind suuper! Hab meine erste selbst gekaufte Schachtel immer noch fast unberührt im Schrank liegen, weil ich sie nicht aufbrauchen möchte, wegen des Besonderheit-Faktors… also schlecht scheint das Zeug nicht zu werden :D

  5. Yannic

    Was zum verdammten Teufel ist Zartbitter-Orangen-Aufstrich?

  6. Hannah

    @stiller: So etwas gabs bei uns nie, aber bei uns gab es Dino-Burger. Eigentlich ganz normale Burger, aber unter dem oberen Brötchen versteckte sich ein glibbriger, lauwarmer Gummidinosaurier – Nachtisch. Gott, ich hab diese Teile geliebt xD

    @Laura: Das Ding ist .. Alle preisen Nutella als „Schokoladenaufstrich“ an, aber Nutella schmeckt nicht wie Schokolade, sondern wie .. Nutella halt. Eszet-Schnitten schmecken wirklich wie Schokolade :D Total gut. Und die Packung kostet beim teuren Supermarkt nur 79 Cent – beim Lidl also bestimmt weniger.

    @Melli: Wir haben ja ohnehin immer viele Gemeinsamkeiten gehabt ; ) Gönn dir auch ein Brötchen, das heitert auf.

    @Lisa: Ich hab meine erste Bierflasche noch. Bei meinen Eltern zuhause gab es nie Alkohol. Weder Bier, noch Wein, noch sonst was. Meine erste selbst gekaufte und bei mir im Kühlschrank stehende Bierflasche hab ich deswegen aufgehoben – wenn auch leer xD

    @Yannic: Meine Ma stand immer drauf, uns was „Besonderes“ zu bieten. Kleine Freuden, die nicht jeder hatte, wie z. B. Pausenbrote in Sternform usw. oder eben dieser Zartbitter-Orangen-Aufstrich. Das war kwasi wie Nutella, wenn du so willst, aber wesentlich cremiger, aus dunkler Schokolade gemacht und mit einem göttlichen Hauch von Orange.

  7. Konzertheld

    Bin ich hier der einzige der die Dinger nicht kennt? So viel jünger bin ich doch gar nicht und soo weit weg wohn ich auch nicht Oo Irgendwie kann ich mich nicht erinnern, die je gesehen zu haben, nicht mal davon gehört…

  8. Hannah

    @Konzertheld: Jetzt, wo du es sagst .. Ich erinnere mich irgendwie gar nicht, jemals irgendeine TV-Werbung von denen gesehen zu haben *grübel*
    Wow, ich googelte das grade Oo Eszet-Schnitten sind voll alt. Irgendwann von 1933. :D Aber die kommen ursprünglich aus Stuttgart. Das erklärt vielleicht, warum ich die Dinger kenne, weil meine Mama auch aus Stuttgart kommt ; )

  9. Jan

    @ stiller: Wie wäre es, wenn du den Laden nicht boykottierst, sondern stattdessen versuchst, ein Wiederaufleben des Eszetbrots durchzusetzen? Wäre doch viel schöner (:

  10. rebhuhn

    eszets sind super, aber nur in zartbitter ;).

  11. Sabine

    schmeckt am besten auf frisch getoastetem Toast, weil es dann so schön schmilzt und…..ich muss mal eben nachsehen, ich glaube, ich habe auch noch welche da :)

  12. Konzertheld

    @Hannah das wär ne Erklärung… aus der Ecke kenn ich niemanden…

  13. AsphyxiaPallida

    …die kann man also aufs brot tun? :D

    Ich hab die immer gesehen, nie gekauft und dachte bis gerade, es sei ganz normale schoki. falsch gedacht, feste schoki für aufs brot. hmm… ich glaub, ich organisier mir die mal. :)

    (meine cousine aus stuttgart kannte sie bis gerade auch nich xD)

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