Immer wieder. Sobald es Abend wird, sobald mein Kopf sich leer, sobald die „Das muss ich noch erledigen“-Dinge des Tages ein Ende finden, kommt der Schmerz zurück. Der Unglaube ist gewichen, die Verzweiflung geblieben. Ich habe das Jammern satt. Ich hasse es, dass ich mich abends in meinem Bett zusammenrolle, blind auf den Bildschirm starre, auf dem Serien oder Filme vor sich hinflackern, die ich nicht sehe, weil meine Augen blind von Tränen sind, die auf meinen Wangen bereits Spuren gebildet haben. Spuren, die keine Zeit zu trocknen haben, weil immer mehr und mehr nachkommen.
Je länger er weg ist, umso drängender wird die Frage: Warum zum Teufel war er immer so wahnsinnig stolz auf mich? Ich habe (noch) nichts im Leben erreicht. Ich kann keine spektakulären Praktika vorweisen, keine Nebenjobs, in denen ich so wahnsinnig viel lernte, dass ich mir um meine Zukunft keine Sorgen machen muss, keine Preise, Auszeichnungen, Zertifikate, die meine Wände schmücken würden. Ich kann – abgesehen von Englisch – keine Fremdsprache. Ich komme erst dann auf die Idee, meinen Schreibtisch aufzuräumen, wenn die ersten Bücher und Unterlagen bereits soweit an den Ecken liegen, dass sie entweder bald runterfallen werden oder die Glasplatte mit den hübschen schwarzen Mustern unter dieser Last zusammenbricht. Ich habe kaum bzw. eigentlich gar keinen Kontakt zu meinem Bruder, weil ich so ein seltsamer Mensch bin, dass er mich nicht zu ertragen scheint und es ihm nicht wert ist, länger als ein paar Sekunden das Wort an mich zu richten. Ich verzichte auf Zeugs mit Geschmacksverstärkern und Konservierungsmitteln, weil ich gegen Chemie im Essen bin, hau mir aber trotzdem ein oder zwei mal in der Woche irgendeinen Instant-Kaffee rein, bei dem ich so tue, als sei er völlig natürlich.
Worauf war er stolz? Dass ich es an die Universität schaffte? An der Uni Siegen wird jeder angenommen. Die Uni Siegen ist das Auffangbecken für den Bodensatz aller Bewerber. Macht euer Abitur oder Fachabitur, bewerbt euch und siehe da – ihr bekommt eine Zusage. So wie jeder. So wie ich.
Ich liege also im Bett, klammere mich an meiner Bettdecke fest und lese seine Blogartikel, um zu finden, worauf er so stolz war und weine noch mehr, weil ich seine Stimme vermisse.
Und eigentlich wollte ich aufhören, ständig hier zu jammern.

Lies mal Deine Blogartikel. Ich bin sicher, da findest Du zumindest eine Antwort auf die Frage, warum er stolz auf Dich war.
Überhaupt kann ich das nur empfehlen, das eigene Blog zu lesen. Es hilft, nicht zu vergessen, wer man einmal war und was einem einmal wichtig war.
Bloggen macht stark.
Weisst du, ich habe ihn nicht gekannt, habe noch nie seine Blogs gelesen etc., aber ich bin mir sicher, dass er nicht stolz auf das war, was du bisher erreicht hast, sondern darauf, was du bist, denn ein toller Lebenslauf ist nichts einzigartiges. Jeder kann eine Fremdsprache lernen, das Abitur machen, Praktika machen. Aber das, was man selbst ist, ist wohl unkopierbar.
Und aufrichtige Leute können auf sowas stolz sein – und nicht auf die Länge der Vita…
(gott komm ich mir blöd vor, sowas zu ner Person zu sagen, die mind 5 Jahre älter ist als ich Oo)
Zeugnisse, Urkunden, das ist schön, aber stolz sind Eltern auf etwas anderes.
Ein Kind ist zuerst eine Verheißung, ein Versprechen auf die Zukunft, und wenn Eltern sehen, daß die Verheißung sich zu erfüllen beginnt, wenn ihr Kind seinen eigenen Weg sucht und einen Anfang findet und sich vortastet, wenn es auf eigenen Beinen zu stehen beginnt, wenn es das Herz auf dem rechten Fleck hat, wenn es den Eltern deren zahllose Fehler verzeiht (die alle Eltern machen), wenn es ihnen Ängste und Sorgen nimmt und zeigt, daß es Entscheidungen treffen kann, wenn das Kind seine Talente selbst entdeckt, dann werden Eltern stolz. Wenn es sich selbst erkennt, wenn es weiter wächst und die eigenen Kräfte zu erkennen beginnt, das macht Eltern froh und stolz. Wenn Kinder ein wenig Ehrgeiz entwickeln, wenn sie Ziele suchen und hier und da sogar eines finden, wenn sie ihr Leben in die Hände nehmen und ausprobieren, wenn sie an ihre Grenzen stoßen und darüber hinaus wollen und dafür arbeiten, daraus ziehen Eltern Stolz.
Eltern wissen aus ihrem eigenen Leben, wie schwer der Anfang ist und daß man nicht zu zaghaft sein darf, und sie freuen sich, wenn ihre Kinder diese Erfahrungen auch machen und sich nicht entmutigen lassen, auch wenn es schwere Zeiten gibt. Georg Kraus hatte guten Grund, stolz auf seine Tochter zu sein, sonst hätte er es nicht so oft gesagt.
Es heißt immer, die Zeit heilt alle Wunden.
Aber ich glaube nicht, dass das stimmt. Es tut weh. Wenn man tief in sich reinhorcht, dann tut es auch nach vielen Jahren immer noch weh. Aber es ist ein guter Schmerz, denn er sagt einiges über die Bedeutung des Menschen aus. Und darüber, welchen Dingen wir Wert beimessen sollten, und welchen nicht.