Manchmal leide ich noch immer.
Wenn ich aus dem Fenster sehe, ist alles voller Schnee. Kein grauer Matsch, wie er in richtigen Städten liegt, sondern kalt glitzerndesWeiß, das mich wie ein Storch staksen lässt, sobald ich meine Wohnung verlasse. Unter der noch wenigen Zentimetern dünnen Schneeschicht versteckt sich ein wenig Eis. Ich rutsche lustig vor mich hin, find das aber gar nicht lustig, obwohl mir das Lachen bereits im Halse steckt, was ich ausstoßen werde, sollte ich fallen. Lieber lachen als weinen.

Aber wenn ich aus dem Fenster sehe, erkenne ich auch den Winter in all dem Weiß und denke an meinen Dad. Ihm war es nie genug, über die Kälte zu jammern, nein. Genauso konnte er sich über das triste Licht, die fehlenden Sonnenstrahlen, die kahlen Bäume und die Dauernässe mokieren. Und das solange, bis im Frühling endlich der letzte Frost verschwand. „Jetzt wirds Sommer!“, sagte er immer und selbst, wenn der Winter noch einmal zurückschlug und eine neue Schneewelle über das Land schickte, schaute er nur voller Genugtuung aus dem Fenster und erklärte, dass das nur das letzte Aufbegehren sei, weil der Sommer nämlich schon in den Startlöchern stünde.
Manchmal zog ich ihn ein wenig auf, fragte ihn, wie er denn bei all dem Schnee trotzdem glauben könne, dass der Sommer bald da sei, aber im Gegensatz zu so oft ließ er sich da gar nicht aus der Ruhe bringen. Spätestens der kalendarische Frühlingsanfang war für ihn der Moment, seine Winterjacke wegzupacken; der erste Sonnenstrahl genügte und er fuhr mit offenem Verdeck – zumindest, als er das Cabrio noch hatte. Offenes Verdeck, laute Musik, die einen in die 68er zurückbeförderte und bei der vermutlich die gesamte brave, biedere, kleine Siedlung hinter ihren geschlossenen Fenstern zusammenzuckte und ein leises „Das macht man aber nicht.“, murmelte, während mein Dad und ich uns köstlich amüsierten. Meistens, nein, eigentlich immer, trug er dabei seine Lederjacke, die meine Ma und ich ganz fürchterlich fanden. Heute vermisse ich sie.
Ja. Manchmal leide ich noch immer.
Du armes Mäuschen, ich kann Dir gar nicht helfen. Wenn ich nur wie früher einfach einmal pusten und ein Pflaster aufkleben könnte…
Für manche Dinge gibt es keine Pflaster, die groß genug wären. Es ist o.k., dass Du leidest, lass Dich nur nicht in den Schmerz hineinfallen.
Die Lederjacke könnte bei den Sachen Deines Vaters sein. Allerdings war sie wirklich ziemlich schrecklich!
Hab Dich lieb