Büdchen ums Eck

16. Dezember 2010 • Kategorie: Allgemein • Kommentare: 18
Büdchen ums Eck

Erinnert ihr euch an das Büdchen1 ums Eck? Jeder hatte doch mal sowas, oder? Dieses kleine, unscheinbare Büdchen, von dem man heute nicht mal mehr sagen kann, ob es noch existiert oder bereits durch einen Friseur, eine Dönerbude oder einen Handyladen ersetzt wurde.

Hinter dem Tresen meines Büdchens stand ein alter Mann. Er war fett, er war faltig und wir alle haben uns vor seinen Fingernägeln gegruselt, die, abgesehen von ihrem grässlichen Gelbgrauton, für einen Mann viel zu lang waren, in den Spitzen scharf zugefeilt und ein wenig an die Fingernägel aus Darren Shan Büchern erinnern.2 Seine Lippen waren wülstige kleine, chiaraohoveneske Schlauchboote, die er ununterbrochen ableckte, sobald wir kleinen Schulmädchen vor ihm standen und nach Kratzeis, bunten Gummischnüren, Brauseufos oder Wassereis verlangten. War uns aber ganz egal – die dünne Theke zwischen seiner und unserer Welt schützte uns schließlich davor, getötet und/oder vergewaltigt zu werden. Ich weiß noch, wie er uns mit seinen kleinen Schweinsäuglein anblinkte und sich über seinen graumelierten Dreitage rieb, ehe er uns Süßigkeiten in die Gemischte Tüte packte. Das meiste kam mit einer kleinen Schippe in die Tüte, aber einige Dinge fasste er an. Wenn wir dann den Weg zur Schule gingen, stritten wir uns darum, wer zuerst eine der Sachen essen musste, die mit seinen Fingern in Berührung gekommen waren, aber sobald der erste es gewagt hatte, war der Bann gebrochen und vor dem nächsten Einkauf wurde kein weiterer Gedanke daran verschwendet. Und erinnert ihr euch an diese Gummischnüre? Die längsten wurden um den Zeigefinger geknotet und runtergeschluckt, um sie anschließend wieder hochzuziehen. Würd ich heute noch machen, aber natürlich nicht mehr zugeben. Oder diese blauen Schlümpfe, die so fest zwischen den Zähnen klebten, dass man sie kaum noch auseinander bekam und bei jedem Bissen Angst hatte, einen davon einbüßen zu müssen.

(Via)

Auf dem Rückweg gab es dann Kratzeis. Abgesehen davon, dass die mitfahrenden Busmenschen uns für verfressene Scheißgören gehalten haben werden, war das ständige Kratzen, das aus dem hinteren Teil des Busses erklang – natürlich von dort, immerhin waren wir cool – sicher irre nervig. Heute gibt es stattdessen Handymusik und Klingeltontausche und keiner weiß mehr, was Kratzeis war.

In solchen Moment geht sie dahin, meine Jugend, und ich denke an den gelbgraunageligen Mann mit seinen Würstchenlippen und frage mich, ob er noch lebt und Süßigkeiten verkauft. Dann erinnere ich mich an die Pornohefte, die an der Außenfassade seines Büdchens hingen und vielleicht schon den Anfang vom Ende markierten. Sicher konnte er sein Geschäft nicht mehr halten, als das Interesse an Süßigkeiten sank und das an Drogen stieg. Oder er hat die Branche gewechselt. Nur in meiner Erinnerung ist er noch der Süßigkeitenverkäufer, der uns für einige Cent riesige Tüten mit Zeugs vollpackt, dass unsere Zungen bunt färbt und kleine Zuckerexplosionen in unseren noch leeren Hirnen auslöst, die uns ausgelassen durchs Klassenzimmer turnen lassen, um ganze Lehrerscharen auf die Barrikaden zu treiben. Unser Lachen mischt sich mit dem zornigen Brüllen der Lehrer und dem melancholischen Lächeln auf meinen Lippen.

Morgen suche ich ein Büdchen.


  1. Büdchen rocken. Ich erinnere mich noch genau an “meins”.

  2. Bei uns hieß das “Mariechen” :D Denn das war die Besitzerin. Die hatte von allem etwas. Besonders oft war ich dort um für meine Oma Kaffeemilch zu holen. Mittlerweile ist bei Mariechen aber eine Schneiderei. :(

  3. Bei uns gab es da u.a. die “Butter-Klara” und den “Ammerlich”. Die anderen Namen fallen mir jetzt nicht mehr ein.
    Aber wir haben noch mit Pfennigen bezahlt ;-) Ihr bestimmt auch…
    Lange ist es her…

  4. War das etwa der Knubbertz? So hieß unser Büdchen in unserer Straße.

  5. @dvl: Damn, stimmt. Wir haben wirklich mit Pfennigen bezahlt :D

    @Ma: Nein, den meinte ich nicht :D Ich hab keine Ahnung mehr, wie der Knubbertz aussah. War das nicht so ein braunhaariger Mann Mitte 30?

  6. Das mit den Pfenningen wollte ich auch grad sagen xD
    Ja… das waren noch Zeiten. Heute kostet ein Eis, das eine Mark gekostet hat, einen Euro ^^

    Das Kiosk in dem ich arbeite hat aber noch genau die Süßigkeiten, von denen du erzählst, und ich kann mir manchmal nicht verkneifen, nach der Arbeit ein kleines weißes Papiertütchen vollzupacken xD
    Wir haben auch Zigaretten und viele, viele Lebensmittel. Außerdem Zeitschriften und anderen Kram. Und wir sind das einzige “Geschäft” in meinem Ort, das man gut zu Fuß erreichen kann, auch wenn man alt ist. Außerdem haben wir jeden Tag von 6-21 Uhr geöffnet… außer Neujahr und Heiligabend nur bis 14 Uhr. xD
    Von daher wird sich der Kiosk noch weitere 10 Jahre halten ^^

  7. Ich komm vom Dorf – hier gibs kein Büdchen :D

  8. Bei uns gab es kein Büdchen, nur eine Trinkhalle und den Bäcker, wo wir Schnüre und Schlümpfe gekauft haben. Das waren noch Zeiten, hach…

    Manchmal lassen wir uns heute noch riesige Tüten mit Zeug vollpacken- weil wir es können :) und es schmeckt immer noch!

  9. Bei uns war es auch der Dorfbäcker, der einen angeschlossenen Sparmarkt (gibts heut glaub gar nicht mehr) hatte. Wobei Markt echt übertrieben ist. Es gab 4 Regale oder so :) Dann halt die Bäckertheke, ne kleine Gefriertruhe und ein paar Zeitschriften hinter der Kasse. Natürlich ist das schon viel größer als ein Büdchen, aber es erfüllte für uns die gleiche Funktion. Pfennige loswerden. :) Süßkram kaufen, Erbsen fürs Erbsenrohr (kurzes Metall- oder Plastikrohr, am Ende der Finger eines Gummihandschuhs festgetaped und dann ungekochte Kocherbsen rein….) oder eben, nach einem harten Spieltag auf dem Bolzplatz (andere Straßenseite) ging man da hin und holte sich das legendäre Getränk. Warme Cola. Aus einem unerfindlichen Grund wurde die Cola nämlich auf einem Regalboden oberhalb der Raumheizung gelagert.
    Tja, die musste man dann erstmal, natürlich damals in Dosenform und in regelmäßigen Abständen mit den Vereinslogos der Bundesligavereine, im Heckebach versenken, damit sie Trinktemperatur bekamen :)
    Panini-Sammelbilder. Die kauften wir auch immer fleißig bei “Hellmanns”.

  10. Ich vermisse diese Plastikbrausestangen, wo man den Anfang abkaut (zumindest haben wir das so gemacht) und stundenlang die Brause da raus futterte, weil das Ding dauernd verstopfte – klar, vom Vollsabbern.

    Knisterkaugummi, Schlümpfe, Smilies, Bockwürstchen. Alles hat man da gekriegt.

    Ich denke mal, den gibt es auch heute noch, allerdings unter anderer Führung.

  11. @Kerstin: Weißt du, was viel schlimmer ist als der Preisanstieg?? Ich weiß noch, dass es früher an jeder Ecke ein Büdchen gab. Man ging natürlich nur in sein Stammbüdchen, aber rein theoretisch gabs ein paar Meter weiter das nächste. Und heute? Ich wohn seit über 3 Jahren in Siegen und ich kenn zwar das ein oder andere Büdchen, aber nicht ein einziges, wo man noch gemischte Tüten kaufen kann. Nicht eins!! : (

    @Sören: :D Das ist traurig!

    @Verena: Nachdem mich die Capri Sonne letztens so enttäuschte, wag ich es nicht, mir nochmal Schnüre zu kaufen xD

    @Chris: Hömma, Freundchen. Ich weiß, was ein Erbsenrohr ist, weil ICH nämlich AUCH eins hatte!

    @Melli: Oar. Damnit. Diese Brausestangen hatte ich völlig vergessen!! Und natürlich kaut man das ab! Ich kannte ein paar, die immer ihre Bastelschere rausholten, aber neein, Braustestangen und Wassereis muss man aufkauen :D

  12. Bei uns holte man die Schnucketüte bei Frau Werner, einer Mischung aus Spielzeug- und Zeitschriftenladen und Kiosk.
    Aber die gibt es tatsächlich auch heute noch. Habe da letztens (im Sinne von ‘vor zwei, drei Jahren’ – daran merke ich die vergehende Jugend: dass Jahre plötzlich ‘ neulich’ sein können) mit meinem Bruder zusammen Schnucketüten geholt – ich mochte immer am liebsten diese sauren, zweifarbigen Zungen. Danach die Monde und die Schlümpfe… hach…

  13. Schön dass du wieder mehr bloggst! :) Die Büdchen kenn ich auch, mit genau dem Kram… hier in Konstruktionen “an der Bude noch ne Tüte holen” oder für den Vatta “gehse ma anne Bude ne Bild holen?”. :D Wobei ich damals noch viel allergischer gegen alles war als heute, so dass ich mich eher bei Wahl rumgetrieben habe, was ein Spielwarengeschäft hatte – denn die hatten Pokemonkarten und alles was man noch sammeln kann so günstig wie sonst nirgens in der Stadt, so dass die fast so beliebt waren wie die Bude am Busbahnhof… den Busfahrern waren die Karten immer lieber als der Süßkram, aber Wahl ist pleite, die Bude nicht. Man, Wahl hätte gemischte Tüten verkaufen sollen. Das wär’s gewesen.

  14. @taraia: Oh Gott, ich kenn die Monde nicht O_O Ich dachte immer, ich würde so ziemlich alles an Süßigkeiten kennen :D Aber Monde sagen mir gar nichts.

    @Konzertheld: O.o Man kann allergisch gegen Süßigkeiten sein? .__. Wie hast du das überlebt?

  15. aaaw, Büdchen!

    Wir hatten hier immer eins, zwei Straßen unter uns und damit quasi auf halbem Weg zum Spielplatz – da führte der Weg im Sommer auch immer lang. ;) Oder auch so, Alibimäßig Sonntags, weil die Brötchen hatten, und eben Schnuckeltüten.
    Die haben aber leider zugemacht, weil der Mann nach einen Schlaganfall nicht mehr kann :/

    Da war aber auch noch eins an meiner Schule. Die gibt es auch immernoch, da konnte man sich auch immer die weißen Tütchen vollmachen lassen. Haben wir auch ganz oft. :) Wassereis gab es bei uns sogar direkt an der Schule, Kratzeis nicht (dafür ist das jetzt wieder voll in Mode ^^), aber die weißen Schnöggeltüten waren immernoch das beste. Kennst du diese blauen Delfine? Die hab ich abgöttisch geliebt. Und natürlich lange Schlangen, die Schlümpfe, Brauseufos… bei uns gab es auch immer Melonenkaugummis. Da war so… Pulver drin, was erst ganz Sauer und dann ganz süß war. Sie sahen aber aus wie unscheinbare Lutschbonbons.

    Dienstag bin ich wieder an meiner alten Schule… ich glaub, ich muss das Büdchen besuchen und mir und meiner Schwester ein Schnöggeltütchen kaufen…. :>

  16. naja, gegen Geschmacksverstärker und das andere Zeug von dem man nicht wissen möchte dass es da drin ist halt :D Ging aber, konnte mich halt nicht damit vollstopfen… ich war einfach dauerpleite, hab dann bei anderen geschnorrt und das war dann wenig bzw. viel genug es zu überleben :D

  17. Jetzt wo du es nochmal erwähnst, könnten die Monde vielleicht auch eher Smileys geheißen haben (oh, ist das ein echter Satz?). Sie waren groß, rund und mit Gesicht drauf – was sie schon etwas mondig macht… sie waren nur viel farbiger…

  18. Es gibt Monde UND Smilies.