Wortherzen

1. Februar 2011 • Kategorie: Alltag • Kommentare: 9
Wortherzen

Auf einmal gibt es Dinge in meinem Leben, über die ich nicht mehr sprechen kann. Dinge, die ich lieber verschweige und wie ein drückendes Geheimnis so tief in mir vergrabe, dass niemand auf die Idee kommt, dass sie überhaupt da sein könnten. So war ich nie. Ich hab mein Herz schon immer auf der Zunge getragen. Ich hab mich nie darum geschert, wer mir gegenüber steht und einfach heraus posaunt, was ich fühlte oder dachte, mit der Konsequenz, dass ich so oft Leute vor den Kopf gestoßen habe, dass ich es müde wurde, mich dafür zu entschuldigen und den einfachen Weg ging: Alles wurde abgetan mit dem Satz „So bin ich halt und wenn du mit mir befreundet sein willst, dann musst du damit leben, dass ich dich verletze, weil ich keine Lust habe, über meine Worte nachzudenken.“

Eigentlich hat mir das auch tatsächlich selten Gedanken bereitet. Es gab die Liebes- und Hassfraktionen in meinem Leben. Dazwischen selten etwas. Entweder wurde mir gesagt, wie sehr man meine Ehrlichkeit und Offenheit schätzt oder mir wurde gesagt, was für ein schrecklicher Mensch ich doch bin, ehe die jeweiligen Sprecher aus meinem Leben verschwanden. Und ich fand das völlig in Ordnung so. Man kann nicht von jedem geliebt werden, sagt man das nicht oft? Genauso oft sollte man sich sagen, dass man auch nicht von jedem gehasst werden kann.

Erschreckend finde ich, dass mich diese Liebes- und Hassfraktionen nun auch im Internet zu verfolgen beginnen. Mit dem Anstieg der Besucherzahlen und dem Wachsen meiner Follower bei Twitter kam es immer öfter dazu, dass aus dem Nichts ein Fremder auftauchte, um mir zu sagen, wie schlimm es ja sei, dass ich mein Leben so nach außen trage. Dass ich doch nicht einfach so viel ausplaudern kann. Wie peinlich es ist, dass ich einige Menschen aus dem Internet wirklich mag – sowas geht doch gar nicht, das sind doch nur ..

Also verrat ich euch was: Ja, ich habe kein Problem damit, meine Gefühle, Gedanken, Probleme und Weltansichten zu veröffentlichen und zum Lesen frei zu geben. Ich habe kein Problem damit, weil ich das nicht für euch tue. Ich schreibe keine Artikel, damit ihr ein paar Minuten eurer Zeit totschlagen könnt. Damit ihr euch amüsiert, die Besucherzahlen steigen oder konstant bleiben oder, oder, oder. Ich schreibe, weil ich schreibe. Für mich. Ich schreibe Sachen auf, damit ich mich irgendwann mal daran erinnere, weil ich nämlich einen Kopf wie ein Sieb hab. Ich schreibe Sachen auch auf, weil ich erst beim Schreiben an sich darüber nachdenke, worum es eigentlich geht. Weil ich einen roten Faden für „mein Leben“ finden muss und sich so alles ein bißchen ordnet.

Und nur für den Fall, dass nun noch einmal jemand betonen möchte, dass ich ja aber schon sehr private Sachen hier veröffentliche:, verweise ich auf die ersten Sätze und erklär euch einfach ganz explizit etwas, was man sich eigentlich denken könnte, weil es doch nur logisch ist: Ihr seht hier nur, was ich veröffentliche und nicht das, was ich nicht hier veröffentliche. Was einige von euch nicht zu verinnerlichen scheinen: Es gibt durchaus einige wenige Dinge, die ich nicht nach außen trage. Weder hier noch in meinem nicht-virtuellen Leben. Das ist gut so. Und das wird so bleiben.


  1. Danke dafuer! (:

  2. Toller Eintrag! Ich sehe das auch so, vor allem auch der Teil mit “was ich nicht hier veröffentliche” und das es eine Art Tagebuch für einen selbst ist.
    Und wem das zu privat ist, der muss ja nicht mitlesen oder folgen ;)

  3. Ich für meinen Teil bin froh, dass ich dich auf Twitter entdeckt habe, weil doch mittlerweile ein gewisses Interesse an “deinem Leben” entstanden ist. Nicht selten lache ich mir hier einen Keks, wenn wieder irgendwas lustiges passiert ist – auch, wenn es nur trivial ist. Bleib so!

  4. Vor allem frage ich mich, was das “die Leute” angeht, was du über dein Leben preisgibts oder auch nicht. Und ich entdecke keine Geschichten, bei denen ich mich “fremdschämen” muss oder die ich nicht für blogwürdig halte.
    Insofern, änder dich bloß nicht! :)

  5. @Maria: : )

    @Marie: Danke. Genau das wollte ich verdeutlichen und hab mir extra Mühe gegeben, dass es nicht rechtfertigend klingt :D

    @Benni: :D Hey, mach mich nicht verlegen, ja? Aber was ich nie verstanden hab: Wieso finden Leute mein Leben interessant. Ich freu mich natürlich immer, wenns jemand liest und kommentiert, hab aber im Endeffekt nie kapiert, was daran so besonders sein soll.

    @Silke: :D Danke!

  6. Du kannst es sowieso keinem recht machen und man sollte immer nur auf seinen Bauch hören und nicht darauf, was andere sagen. Frag zehn Leute und alle zehn haben was anderes zu meckern. Versuche, niemandem Schaden zuzufügen und gut is… Wer Dich nicht lesen will, soll es einfach lassen. Ich lese Dich gern, Du schreibst tolle Sachen, hab Dich lieb…

  7. “Was daran interessant sein sollte?”

    Man/frau nennt das Selbstreflexion glaube ich. Und das machst du hier öfter. Und daran teilhaben zu können wenn jemand nachdenkt, ist eine wahre Freude.
    Außerdem finde ich das dein Erkenntnisgrad ausgesprochen hoch ist. IOW, du triffst wirklich sehr oft ins Schwarze. Auch wenn ich selten einen Kommentar abgebe, lese ich deinen Blog wirklich sehr gerne.

  8. “[...] hab aber im Endeffekt nie kapiert, was daran so besonders sein soll.”
    Das besondere daran ist das “wie” und das “was”. Du schreibst. Egal worüber. Auch, wenn es was absolut lapidares ist, ist es interessant. Es sind zum Teil Momente, die du darstellst, welche viele Menschen selber erlebt haben (oder halt was ähnliches) und dadurch entsteht meiner Meinung nach eine Art “Verbindung”. Selbst wenn du einfach nur “BROT” schreiben würdest, fänden das manche Menschen interessant. Weil es von DIR ist und weil es vielleicht in irgendeinen aktuellen Gedankengang oder Kontext passt; oder weil es halt einfach nur sinnfrei ist. :)

  9. Danke für diesen Artikel. Ich glaube, jeder Blogger, der offen genug ist, um nicht nur über oberflächliche oder materielle Dinge zu schreiben, hat solche Kritik schon mal gehört (ich auch). Und du beschreibst genau das, was ich auch immer versuche, den Leuten klar zu machen. Sie kennen nicht mich, sie kennen Pollly.