Wer die Nachtigall stört … – Harper Lee

14.02.11

Es ist schon wieder ein Weilchen her, dass ich das Buch las, aber weil ich es für so erwähnenswert hielt, legte ich damals – das war übrigens im November 2010 – bereits einen leeren Artikelentwurf im Dashboard an, weil ich wusste, ich würde es sonst vergessen. Tja, ich vergaß es trotzdem, aber .. besser spät als nie.

In dem Buch geht es – drückt man es mal ganz pauschal aus – um den Rassenhass, der in den 30er Jahren im Süden der USA stets präsent war und an dieser Stelle würd ich mir dann normalerweise ein leises „Nein, danke, mag ich nicht lesen“ denken, weil mich solche Bücher unglaublich traurig machen. Nun ist es aber so, dass das Buch 1. auf der Liste der Bücher steht, die man gelesen haben sollte – oke, das ist nicht wirklich ein Argument, ich weiß, aber man sollte es schon dazu sagen – und 2. es nicht „einfach nur“ um den damaligen Rassenhass geht. Es ist kein Buch, bei dem der Protagonist der einen oder anderen Seite zuzuordnen wäre, bei dem er die jeweils andere Seite hasst und seine Ansichten, seine Welt und sich selbst dem Leser erklärt. Vielmehr geht es um zwei Kinder – Geschwister – die damals aufwuchsen und deren Vater ein angesehener Anwalt war, der einen Farbigen vor Gericht gegen Vergewaltigungsvorwürfe verteidigte.

Ganz unbedarft und unschuldig wird die Geschichte aus der Sicht von Scout geschildert, ein siebenjähriges Mädchen, das eigentlich von noch nichts eine Ahnung hat und viel mehr daran interessiert ist, das Haus gegenüber zu beobachten und darauf zu warten, dass die beinahe schon mystischen Bewohner sich ins Freie trauen, die sich in der Nachbarschaft so gut wie nie sehen lassen. Beinahe gewaltsam wird sie aus ihrer Kindheit herausgerissen, als der Prozess beginnt und die Gegner der Farbigen sich auch gegen ihren Vater wenden. Immer mehr entfernt ihr älterer Bruder sich von ihr, der das ganze Drumherum viel eher begreift, während sie verwirrt das Geschehen im Ort betrachtet und mit ihrer ehrlichen, unwissenden Direktheit selbst die Männer vor den Kopf stößt, die gekommen waren, um ihren Vater zu verletzen.

Kurz gesagt: Ihr solltet dieses Buch lesen. Nicht nur, weil es aufklärt. Nicht nur, weil es gut ist. Nicht mal nur, weil es lesenswert ist. Nein, ihr solltet es lesen, weil es auf so unaufdringliche Art und Weise an ein so schwieriges Thema heranführt und lehrt, mit den Augen eines Kindes zu gucken, dass es noch viel trauriger wird, dass es war, wie es war und ist, wie es ist. Zusammen mit der vergehenden Zeit wächst auch Scout an dem, was um sie herum geschieht und beginnt zusammen mit dem Leser zu begreifen.

Btw hätte man das Ganze noch viel politischer, psychologischer und intelligenter beschreiben können, aber .. ihr wisst ja, dass ich sowas nicht kann.

Preis vs. Leistung:

90%

Kann man nichts sagen. Typischer Taschenbuchpreis und dafür ein so fesselndes Buch – super.

Schreibstil:

67%

Tja, das kommt mir jetzt ein bißchen fies vor, das so zu sagen, aber der Schreibstil .. Ist nichts besonderes. Weder gut noch schlecht. Knapp überm Durchschnitt vielleicht.

Story/Idee:

80%

Sehr gut, definitiv.


Kategorie: Rezension

Vielleicht, wenn alles anders wäre ..

Social Bookmarks
  1. to01

    huha. rassenhass als primäres thema herauszufiltern beweist mit sicherheit nur eines: nicht intensives lesen.

    es geht um kind sein, das absurde abstand nehmen müssen davon, was der beginn von erwachsen werden genannt werden kann und so oft in rebellion gegen eltern mündet. es geht um vater-tochter-beziehungen und heranwachsen.

    der „durchschnittliche“ schreibstil gewann übrigens den pulitzerpreis. mit recht. :)

  2. Hannah

    Das meinte ich, als ich schrieb „Nein, ihr solltet es lesen, weil es auf so unaufdringliche Art und Weise an ein so schwieriges Thema heranführt und lehrt, mit den Augen eines Kindes zu gucken, dass es noch viel trauriger wird, dass es war, wie es war und ist, wie es ist. Zusammen mit der vergehenden Zeit wächst auch Scout an dem, was um sie herum geschieht und beginnt zusammen mit dem Leser zu begreifen.“
    Und Schreibstile „einschätzen“ ist immer subjektiv. Ich sag nicht, dass er schlecht schreibt. Definitiv nicht. Aber er schreibt auch nicht .. herausragend. Ob er nun Preise dafür bekam oder nicht ist mir ungefähr so egal, wie ob er auf einer Bestsellerliste stand/steht oder nicht :D Das ist für mich kein Aushängeschild.

  3. to01

    Harper Lee ist eine Frau.

  4. Andreas

    Es gibt dazu übrigens auch eine sehr schöne Verfilmung, die schon einige Jahre auf dem Buckel hat, aber ein bisschen beabrietet und 2007 als Oscar Edition neu aufgelegt wurde. Die Qualität ist ansprechend, Bonusmaterial in Massen vorhanden und die filmische Umsetzung sehr gelungen (was ja bei Büchern oft kritisch ist). Von daher, vielleicht auch mal etwas für einen gemeinsamen DVD Abend mit Freunden.

    P.S.: to01 – freu dich doch, dass sie dsa Buch entdeckt hat ;)

  5. to01

    @andreas unbedingt.

  6. Hannah

    @to01: oh, das wusst ich nicht. hab mich nicht näher mit ihr befasst.

Name (*)

Mail (*)

Website