Nur nicht mehr in jeder Sekunde.

09.03.11

Es ist jetzt fast 8 Monate her, dass mein Dad gestorben ist. 8 Monate. Nur noch 4 Monate mehr und es ist ein Jahr her. Und noch mal 12, dann sind es 2 Jahre. Aber irgendwie ändert die Zeit nicht viel. Erst letztens sprach ich mit meiner kleinen Schwester darüber, dass wir das Gefühl haben, zu vergessen, aber eigentlich ist es das nicht. Ich vergesse nicht. Ich erinnere mich nur nicht mehr täglich. Ich denke nicht mehr in jeder Sekunde daran, dass mein Dad tot ist und ich mehr oder weniger allein zurück geblieben bin. Und ich weine nicht mehr. Nicht mehr immer. Erst, wenn ich es zulasse, aber nicht mehr so unkontrolliert.

Tatsächlich ist mein Leben in den letzten 8 Monaten weitergegangen. Ich bin nicht daran zugrunde gegangen und habe gelernt, mich damit zu arrangieren. Es klingt so hart, wenn man das so sagt, aber ich wüsste nicht, wie ich es anders beschreiben soll. Ich arrangiere mich mit der Leere, die mein Dad in meinem Leben zurückgelassen hat. Ich baue mein Leben darum herum auf. Ich balanciere am Rand entlang und manchmal .. ja, manchmal falle ich hinein und dann ist alles dunkel und voller Schmerz. Jeder Atemzug erinnert mich an ihn, wie er ganz verloren in diesem unpersönlichen Krankenhausbett lag, während Maschinen leise piepsten und seine Brust sich nicht mehr bewegte. Jedes Blinzeln ruft mir ins Gedächtnis, dass ich mich weiter von dem Augenblick entferne, an dem ich ihn das letzte Mal sah, sprach, bei ihm war. Aber irgendwann kriech ich wieder aus der Leere hinaus, sehe das Leben drum herum und während es vor einigen Monaten noch so war, dass ich stumpf über die Wege schritt, die ich zu gehen hatte, kann ich es heute wieder bewusst tun. So bewusst, dass ich mich am nächsten Tag erinnern kann, was ich am Tag zuvor getan habe.

Ich dachte, der Schmerz würde aufhören. Ich dachte, irgendwann würde ich aufwachen und zwar wissen, dass mein Dad tot ist, aber keine Tränen mehr spüren, die den Gedanken begleiten. Aber das ist nicht so. Der Schmerz vergeht nicht. Die Leere bleibt.

Nur nicht mehr in jeder Sekunde.

 


Kategorie: Aua

Vielleicht, wenn alles anders wäre ..

Social Bookmarks
  1. Wohlstandskind

    Ohje, das ist zum (mit)weinen. <3

  2. Benni

    Der Schmerz wird niemals vergehen, die Leere wird immer einen Teil deines Herzens einnehmen. Aber der Blickwinkel wird sich vielleicht ändern.

    Viel Kraft von mir für dich.

  3. Hannahs Mom

    Du bist nicht mehr oder weniger alleine, weil Du auch noch uns beide hast, nicht vergessen! Und wir beide trauern auch, anders und nicht so offensichtlich wie Du, aber auch wir müssen lernen, damit zu leben. Auch Dein Bruder wird irgendwann mit seinem Schmerz konfrontiert werden und vielleicht braucht er dann Dich und Deine gewonnene Erfahrung.
    Ich hab Dich lieb

  4. Chocowaffel

    <3

  5. sandra

    schick dir ganz viel liebe <3

  6. Hendrik

    Du beschreibst zu 100% wie es auch mir geht. Vielleicht falle ich noch etwas öfters in diese dunkle Leere, aber bei mir ist auch noch nicht so „lange“ her dass ich mein Sternchen verloren habe. Und ja, es mag hart klingen, aber wenn man nicht daran zugrunde gehen will, dann bleibt einem gar nichts anderes übrig als sich damit zu arrangieren. Ich denke auch dass der Schmerz nie verschwinden wird, aber ich hoffe dass er eines Tages auf ein erträgliches Maß geschrumpft ist.

  7. Hannah

    @Wohlstandskind: <3

    @Benni: Ja, vielleicht. Ich hab es aufgegeben, da irgendwelche Prognosen machen zu wollen und irgendwie .. Seit ich mir nicht mehr sage "Das ist jetzt MONATE her und wenn du noch immer traurig bist, ist das nicht normal!", ist es einfacher. Dann trauer ich halt jetzt immer noch und vielleicht ist es nicht "normal", aber .. es ist, wie es ist.

    @Mama: Nein, das vergesse ich natürlich nicht, aber es ist an manchen Tagen einfach doch was anderes.

    @Schwester: <3

    @Sandra: Danke, das kann ich gebrauchen : )

    @Hendrik: Es ist komisch, manchmal. Irgendwie hab ich gelernt mh .. den Schmerz nicht zuzulassen. Nicht mehr immer. Wenn er da ist, ist er so groß wie am Tag seines Todes, aber inzwischen kann ich mir sagen "Oke, Moment, wir sitzen hier gerade in einer Klausur und das ist nicht der richtige Zeitpunkt."

  8. Kev

    Ein sehr bewegender Text. Ich wünsche Dir viel Kraft und ich bin sicher, dass dein Dad, auf welcher Wolke er auch sitzen mag, seine Hand über Dich hält.

  9. Melli

    Das war der selbe Monat wie bei meinem Dad? (Sry, irgendwie hat das alles andere quasi weggeblasen…)

    Aber: Du sprichst mir aus der Seele…

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