Ich ziehe Kleider an, obwohl meine Knie knubbelig sind

Ich ziehe Kleider an, obwohl meine Knie knubbelig sind

Ich fühl mich wohl mit mir. Ich fühl mich wohl und das war nicht immer so – im Gegenteil. Als ich zur Grundschule ging, fing das Mobben an. Ich war nie dünn und vermutlich werd ich das auch nie sein, aber ich wollte es immer sein. Zumindest glaubte ich das. Inzwischen denke ich, dass ich einfach nur akzeptiert werden wollte und das Gefühl hatte, dass das nicht der Fall sein würde, solang ich nicht rank und schlank wäre.

Es fing an mit einem schlichten „Guck mal: Die Fette.“ – Grundschüler sind noch nicht sonderlich kreativ in ihren Beleidigungen, aber wenn man sie jeden Tag zu hören bekommt, fängt es nicht nur an weh zu tun, sondern das Ganze geht soweit, dass man jedes Kichern hinter dem eigenen Rücken als „Guck mal: Die Fette.“ versteht. Jedes geflüsterte Wort ist gegen einen gerichtet. Selbst die eigenen Freunde werden zu Menschen, die einen ertragen – trotz Übergewicht – aber insgeheim auch als „Die Fette“ abspeichern.

In der weiterführenden Schule wurde es spannender. Noch immer war ich „Die Fette“, aber das reichte meinen Mitschülern nicht mehr. Es reichte nicht, mir die Worte immer wieder in verschiedenen Variationen klar zu machen, nein, da musste mehr her. Einmal rannte ein Pulk Mädchen hinter mir her, brüllte Beleidigungen und verfolgte mich bis zur Bushaltestelle – zu meinem Glück waren sie zu faul, mit in den Bus einzusteigen. Trotzdem wäre ich am liebsten nie wieder zur Schule gegangen.

Ich weiß noch, wie mein Dad einmal mit zur Schule kam – ich war vielleicht 13 oder 14 – und aufgebracht von mir verlangte, ihm zu sagen, wer mir das Leben so schwer machte. Wahllos zeigte ich auf das Mädchen, das es am schlimmsten mit mir trieb und sofort baute er sich vor ihr auf. Ihr müsst euch das vor Augen rufen: Mein Dad war ein großer Mann. Groß und massig, mit Bart im Gesicht und buschigen Augenbrauen. Jedes kleine Mädchen hätte Angst vor ihm gehabt, aber besonders dann, wenn er sauer vor einem stand, die Arme in die Seite stemmte und empört zu wissen verlangte, was der Scheiß sollte. Genau das sagte er: „Was soll der Scheiß?“ Innerhalb von Sekunden traten ihr die Tränen in den Augen und ich glaube, ich habe sie weder davor noch danach so kriecherisch und ängstlich erlebt. Mit sehr vielen „Es tut mir Leid, Herr Kraus.“ und „Ich mach das nie wieder, Herr Kraus.“, bemühte sie sich darum, ihn zu beruhigen, ohne zu bemerken, dass er sie weder hasste noch umbringen wollte. Er war einfach nur verletzt. Verletzt, dass jemand seiner Tochter weh tat und glaubte, damit durchkommen zu können. Nein, mein Dad war kein Held. Kein großer Gott. Kein fehlerfreies Idol. Aber wenn jemand seinen Kindern was tat, war er da.

Das Mädchen tat mir nie wieder was, aber worauf ich eigentlich hinaus wollte, ist folgendes: In den letzten Jahren hat sich mein Körpergefühl grundlegend geändert. Nein, ich bin noch immer nicht rank und schlank, aber ich will es auch nicht mehr sein. Mir wirft niemand mehr vor, „Die Fette“ zu sein und ein Kichern hinter meinem Rücken hat nichts mehr zu bedeuten. Nichts, was sich auf mich beziehen würde. Ich ziehe Kleider an, obwohl meine Knie knubbelig sind und ich Füße hässlich finde. Ich wage es, eine schulterlange Frisur zu tragen, statt mich hinter langen Haaren zu verstecken. Warum? Weil ich es kann. Weil es oke ist. Weil ich was wert bin, auch wenn ich mehr wiege, als ich wiegen sollte. Und wenn das irgendwem nicht gefällt, hat in erster Linie er ein Problem und nicht ich, weil ich nämlich super bin. Manchmal bin ich auch scheiße, aber genau darauf kommt es doch an: Ich bin ein Mensch wie jeder andere auch und wenn mir jemand einreden will, dass ich mich scheiße fühlen muss, nur weil ich nicht schlank bin, ist dieser Jemand weniger wert als ich. Weil er nämlich ein Arschloch ist.


  1. Ich liebe dich. Wie du bist. Über alles.

  2. *verlegen kicher* Aber Chris! Doch nicht in der Öffentlichkeit!

  3. Sehr hübsch. Immer dran denken, dein Herz bleibt immer gleich. Ob nun dick oder dünn. Man wird nicht liebenswerter wenn man dünn ist. Fühl dich wohl und sei froh, dass es so ist wie es ist.

  4. Jeder sollte so denken wie du. Ich kenne Leute, die auch etwas mehr wiegen, als sie sollten und auch jetzt, wo man eigentlich erwachsen sein sollte, wird dieses Übergewicht immer wieder als grundlegendes Problem dargestellt, dass ALLES was in ihrem Leben schief geht, auf diesem Übergewicht basiert, was völliger Unsinn ist.

  5. Sehr schön gesagt! :)
    <3

  6. Hier fehlt mir jetzt gerade der Herzknopf!
    Schön gesagt.

  7. ICH LIEBE DICH AUCH! Aber das weisst du ja! <3

  8. Ich habe nicht gelesen, weil keine knubbeligen Knie zu sehen. Ich lese erst weiter wenn mein Fetisch erfüllt wurde!

  9. Oh, das hast du wirklich schön geschrieben & deine Einstellung ist echt super.

  10. Großartig, das bist du! :)

  11. der text ist wirklich wirklich gut geschrieben !
    meine mam sollte auch so denken wie du..

  12. Oh, Chris, süß……

  13. Recht hast du! Mehr braucht man dazu gar nicht zu sagen :)

  14. Wunderschön! Und so Recht hast du!! :)

  15. ich will jeden satz unterstreichen und mit ausrufezeichen versehen. du hast so recht und bist so super.

  16. Dschie, das hab ich gebraucht..
    bräuchte jetzt eigentlich sowas, wie “die Zigarette danach”.

  17. ich würd da jetzt gerne was zu schreiben, aber bei deinen Texten fehlen mir immer die Worte.
    danke danke für den Text! ich bin zwar nicht dick (eher das Gegenteil, aber hach.. wie wir Mädels halt sind.. frau findet sich immer irgendwo fett, auch, wenn sie rank und schlank ist ;)), aber ich bin mit mir selber nicht zufrieden. Nicht nur mit dem Äußeren. Ich kann nicht einfach sagen “ich bin super”. Weil ich denke, dass ich ein totaler Loser bin. Aber das ist nicht so. Glaub ich.

  18. Sehr schöööön! Ich kenn das ja auch ein wenig… also ich bin auch nicht eine 36 eher 2-3 Größen drüber. In jungen Jahren fühlt man sich äußerst unwohl damit und bekommt erst später besseres Selbstwertgefühl! Irgendwann findet man seinen Weg und seine “Linie” und kann sich wohl fühlen.

  19. Schön geschrieben

  20. Wow. So viele Kommentare <3 Danke!

    @Verena: Das kommt mit der Zeit. Hätte ich nie geglaubt, wenn mir das jemand gesagt hätte, aber .. Es kommt wirklich mit der Zeit. Man wird zufriedener, gelassener und sieht alles irgendwie entspannter. Und wenn ich mal nen schlechten Tag hab, weiß ich trotzdem, dass es wieder besser wird. Irgendwann.

  21. Ja Hannah, du bist einfach super :*

  22. Ich hab Tränen in den Augen. Irgendwo bei der Story mit deinem Dad kamen sie. Mir ging es immer, wie du es beschreibst. Eine Zeitlang dachte ich, ich wär auch so weit und könnte “normal” sein, obwohl ich zu dick bin. Das war während meines wundervollen FSJ Kulturs. Aber jetzt gehe ich zur Berufsschule und bin wieder zurück in der Welt des Mobbings. Und einen so tollen Vater hatte ich auch nie. Er denkt, er hilft mir mit dem Problem, wenn er mich ein “fettes faules Stück Scheiße” nennt.
    Dein letzter Absatz ist so schön, dass ich ihn am liebsten rahmen lassen würde. Und vor allem weiter verteilen.

  23. @jana
    Jetzt hab ich fast Tränen in den Augen. Niemand sollte so was zu seinen Kindern sagen. Überhaupt sollten Menschen nie die Achtung und den Respekt voreinander verlieren. Und man sollte einen anderen Menschen nicht so erniedrigen. Ich drück Dich mal, Du Arme. Kannst Du Deinem Vater nicht sagen, er solle gefälligst seine Wortwahl ändern? Sonst komm ich mal vorbei.

  24. “weil ich nämlich super bin” das sollte man sich viel öfter sagen :)
    sehr schön geschrieben ;)

  25. Ich denke, es ist egal, ob deine Knie knubbelig sind oder du etwas mehr wiegst, wenn du dich wohl in deiner Haut fühlst.
    Du wirst deshalb nicht weniger gemocht. ;-)
    Mir erging es früher ähnlich, da ich “etwas” zu kurz geraten bin (bin mit 1,60m ausgewachsen).
    Liebe Grüße,
    Benny