Auf einem Dach sitzend, mitten in einer Stadt, deren Namen gleichgültiger nicht sein könnte. In diesem Moment, der niemandem gehört, nicht einmal uns. Die Sonne kündigt sich am Horizont an, schärft die nachtgrauen Umrisse der Stadtsilhouette, die schwärzer werdend in den aufhellenden Himmel schneiden, ehe sich Konturen zeigen, die Häuser zu Häusern, Dächer zu Dächern und dich zu dir und mich zu mir machen.
Dieser kurze Moment der Stille, der wie ein Tuch der Nacht über Stadt und Dach liegt, von der Sonne langsam hinfort gezogen, doch selbst im letzten Aufflackern noch so präsent, so deutlich spürbar, dass ein Teil davon in mich übergeht, sodass die sterbende Nacht noch ein paar Sekunden weiterlebt.
In mir, bis ich sie ausatme; in kleinen Wölkchen, die im Morgendunst zerfallen.
Die Stadt erwacht, Berlin könnte es sein. Berlin gespickt mit halbmondigen Kuppeln, der prägnanten Spitze des Fernsehturms und starr erhobenen Hochhausschöpfen, wie niemals gesenkte Köpfe einer gebauten Welt. Dazwischen Gerüste an niemals enden wollenden Häuserneu- und Wiederaufbauten und Menschen aller Welt, die ihren Tag beginnen oder ihre Nacht beenden, nicht wissend, dass meine Beine über den Rand eines fremden Daches baumeln, in der frischen Morgenluft fröstelnd, während ich die sich vervielfältigenden Lichtpunkte beobachte, die einen ganz normalen Tag einläuten. Einen ganz normalen Tag, der mir vielleicht etwas, vielleicht aber auch nichts bedeutet.
Guten Morgen, Welt. Du hast dich nicht verändert.