Von Ämtern und Urkunden

31. August 2011 • Kategorie: Alltag, Papa • Kommentare: 5
Von Ämtern und Urkunden

Abgesehen von der Trauer, die nach dem Tod meines Dads ein ständiger Begleiter geworden ist, gibt es dann auf einmal auch andere Dinge, die dazu gehören und nach Erledigung schreien. Das einfachste ist es noch, eine Halbweisenrente zu beantragen – organisatorisch leicht, nicht emotional leicht, im Gegenteil. Mir fällt es immer schwer, das Geld zu kriegen. Es in irgendwelche Ausgaben mit einzuplanen. Totes Geld. Geld, dass ich dafür kriege, dass mein Papa tot ist. So fühlt es sich an. Nicht so, als wäre es eine Nettigkeit vom Staat, der akzeptiert, dass ich als „Kind“ durchaus noch eine kleine finanzielle Stütze brauche. Einfach nur wie totes Geld, das mich zu einer ständigen Zerrissenheit führt: Nehm ich das Geld an, weil mein Dad es so gewollt hätte und er froh gewesen wäre, zu wissen, dass irgendwie das abgedeckt wird, was er mir zuvor zusteckte oder verweigere ich es, weil es sich anfühlt wie ein „Armes Kind, dein Papa ist tot, hier hast du 100 Euro.“?

Es ist ein bißchen wie am 15. oder 16. Geburtstag, wenn alle möglichen Verwandten auf einmal entscheiden, dass du jetzt alt genug bist, um Geld zum Geburtstag zu bekommen. Alt genug, um dir deine Wünsche selbst zu erfüllen, bloß dass da dieser leise geflüsterte Subtext ist: „Ich hab keinen Bock, zu überlegen, was du dir wünschen könntest, aber hey, 50 Euro!!“

Lustig ist es auch, wenn es aus unbekannten Gründen Probleme mit dem Kindergeld gibt und man beim Anruf keine Auskunft erhält, weil nur der Antragssteller anrufen darf. Ein „Der Antragssteller ist verstorben.“ ist bei sowas grundsätzlich inakzeptabel, stattdessen erfährt man gar nichts und muss abwarten, ob die Zahlungen irgendwann wieder aufgenommen werden.

Solche Dinge stehlen mir immer ein wenig meiner selbst. Hinzu kommt die von allen möglichen Ämtern kommende Aufforderung, eine Sterbeurkunde beizulegen. Die geben sich nicht damit zufrieden, dass man ein qualvolles Kreuz bei hinter das Wort „verstorben“ setzt, nein, die wollen einen Beweis. Als könnte das jeder behaupten. Die wollen die Urkunde, auf der steht, dass mein Dad am 22. Juli 2010 um 21.30 gestorben ist. Die Urkunde, die ich von irgendwem – vielleicht meiner Mama – nach seinem Tod zugesteckt bekam. Die ich achtlos in meinen Rucksack warf, ganz unten hinein, sodass beim Einkaufen ständig irgendwelche Sachen drauf fielen, bis sie so zerknickt war, dass ich beim Rucksacköffnen nur noch ein Stück Papier sah und nicht mehr den Beweis dafür, dass er tot ist. Wenn meine Mama das jetzt liest, wird sie ganz entsetzt sagen, dass das doch ein wichtiges Dokument ist, das ich noch oft brauchen werde und wie ich so etwas nur machen kann. Vielleicht wird sie sich das aber auch nur denken und nichts dazu sagen, weil sie weiß, wie sehr es weh tut, die scheiß Urkunde anzugucken.

Bei Sportfesten hab ich nie Urkunden erhalten. Meine erste Urkunde ist die, die mir den Tod meines Dads bescheinigt.


  1. :(
    Fühl dich gedrückt.

  2. Ach, Hannah…
    *in Arm nehm*

  3. Die erste Urkunde war die, dass Du Dein Abi bestanden hast, dass Du zum Studium zugelassen wurdest und dass Du jetzt Deinen ersten Abschluss hast.
    Für mich fühlt es sich auch komisch an, wenn ich nach meinem Familienstand gefragt werde. Verwitwet fühlt sich so falsch an. Und die Rente bekommst Du nicht vom Staat, die hat Dein Vater vor Lebzeiten in die Rentenkasse eingezahlt, Du bekommst sie also von ihm (da Du ja bis heute noch auf den Schatz wartest). Vielleicht sind es diese 100,00 Euro monatlich? Er ist doch immer noch um uns rum und das ist gut und richtig so. Behalte ihn doch in Deiner Nähe, dann ist er nie so ganz tot. Ich weiss, dass er sehr stolz auf Dich wäre und ich glaube, er wäre auch total neidisch auf Deinen neuen Job, weil er das immer gerne gemacht hätte, aber nicht Deine Kreativiät besaß. Ich hab Dich lieb und vielleicht gehe ich noch lange, lange nicht tot…

  4. Und weißt du, was noch toll ist an der Waisenrente? Ist Einkommen. Hat mir wahnsinnige Probleme beim Kindergeld gemacht. Und dabei will man das Geld doch eigentlich nicht, sondern viel lieber diesen Menschen zurück…

  5. @Laura: Ja, das mit dem Kindergeld krieg ich auch grad zu spüren. Aus irgendeinem mir unbekannten Grund krieg ich zur Zeit nämlich keins Oo