In seinen Augen wohnt ein junger Mann

26. September 2011 • Kategorie: Alltag • Kommentare: 2
In seinen Augen wohnt ein junger Mann

Da ist dieser alte Mann. Ich weiß nicht, wie er heißt und ich werde ihm für euch keinen Namen geben, weil ich weiß, dass ich seinen wahren Namen eines Tages herausfinden werde.

Der alte Mann hat schütteres hellgraues Haar, wenn die Sonne auf seinen Kopf scheint, ist es fast weiß. Seine Augen sind wässrigblau. Ja, wirklich. So als würde man in eine Pfütze gucken. So wässrig und hell als hätten sie gar keine Farbe und bekämen nur dadurch eine, dass man sich eine wünscht, weil man weiße Augen nicht ertragen könnte. Sie sind rot umrandet. In ihrem Inneren wohnt ein junger Mann. Wenn ich ihm in die Augen sehe, kann ich die Jugend dahinter sehen.

Wir haben uns langsam angenähert. Er saß an dem Metalltisch vor meinem bevorzugten Supermarkt. Die ersten Male ignorierten wir einander. Nahmen nur wahr, dass da jemand war. Nach einigen Wochen nickte er mir zu. Ich lächelte ihn an. Nach ein paar Monaten sagte ich Hi, er sagte Hallo und wieder nickte er auf diese Art, mit der nur alte Männer nicken können. Dieses Nicken, das Eleganz ausdrückt. Eine vornehme Zurückhaltung, gepaart mit genau der richtigen Menge Höflichkeit.

Wenn ich ein kurzes Kleid trug, guckte er nach seinem Nicken auf meine Beine. Trug ich eins mit Ausschnitt, guckte er auf meine Brüste. Aber in seinen Augen sah ich noch immer den jungen Mann und der guckte nicht gierig und pervers, sondern noch immer höflich und anerkennend. Da war keine Gefahr, die von ihm ausging. Kein unangenehmes Gefühl, das er hervor rief.

Inzwischen sind Monate vergangen. Der Metalltisch steht nicht mehr vor dem Supermarkt. Der Herbst kommt näher, es gibt keinen Grund mehr für Metalltische, wenn an vier von sieben Tagen keine Sonne mehr da ist. Trotzdem saß er heute dort – auf einer Bank in der Nähe, weil kein Metalltisch da war. Als ich ihn sah, lächelte ich. Ich hatte ihn vermisst. Er lächelte zurück, sagte Hallo und auf einmal blieb ich stehen. Ich blieb stehen und fragte ihn, wo er gewesen sei. Er lachte und fragte, wieso ich alleine bin. Sonst geh ich immer mit Chris einkaufen. Keiner von uns ging auf die Frage des jeweils anderen ein. Die Antworten waren nicht wichtig. Nicht einmal die Fragen waren es. Es ging nur darum, dass wir einen weiteren Schritt aufeinander zu machten.

Ich frage mich, wer er ist. Aber ich kann geduldig sein, wenn ich weiß, dass ich das Ziel erreichen werde. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ich wissen werde, wer er ist. Bis dahin stelle ich mir weiter vor, wer er sein könnte. Inzwischen gibt es so viele Versionen von ihm in meinem Kopf, dass er alles sein könnte.


  1. Hi Hannah!
    So jemanden kenn ich auch, er ist genauso wie ich Stammkunde in meinem Lieblingscafé.
    Intern (also zwischen meiner Mama und mir) wurde/wird er nur Rudi Carell genannt, weil er diesem ein bisschen ähnlich sieht, inzwischen weiß ich aber, dass er Ecki (Kurzform von Eckhard?) heißt.
    Wenn wir uns sehen, grüßen wir uns auch immer, fragen uns gegenseitig, wie es geht und wenn ich alleine im Café auftauche, werde ich nach meiner Mama gefragt. :)