Risotto und Aufbruchstimmung

30. September 2011 • Kategorie: Alltag, Papa • Kommentare: 2
Risotto und Aufbruchstimmung

Nur kurze Gedankenfragmente, die durch meinen Kopf spuken, aber zu nichts Festem werden wollen. Mein Dad mochte Risotto. Vor ein paar Wochen kochte ich zum ersten Mal selbst eine Rinderbrühe. Würde er noch leben, könnte ich ihm welche machen. Risotto schmeckt mit selbstgemachter Brühe viel besser. Tatsächlich kommt mir jedes bisherige Risotto verschwendet vor, verglichen mit dem, was ich jetzt zustande kriege. Er würde lachen, würde ich ihm das sagen. Sobald ich ihn lang genug genervt hätte, würde er es mit meiner Rinderbrühe versuchen. Aus Höflichkeit und diesem Antrieb heraus, der Tochter eine Freude zu machen. Danach würde er ein paar Tage lang so tun, als wüsste er noch immer nicht, was ich meine, aber irgendwann würde er fragen, wann er denn das nächste Mal so eine Brühe bekommt. Ein stilles Eingeständnis, dass ich Recht gehabt hatte. Aber weil er nun einmal nicht mehr da ist, koche ich das Risotto für Chris und mich. Das ist nur nicht dasselbe.

Mein Dad fehlt mir. Noch immer. Aber ich trage es nicht mehr so nach außen. Es ist keine Trauer mehr, die man mitteilen will. Die Worte der anderen, die schon am Anfang leere Phrasen waren und nur dazu dienten, irgendwas zu sagen, um so zu tun, als würde man eine Situation verstehen, die man nicht versteht, sind noch leerer geworden. So leer, dass ich sie mir nicht mehr anhören mag. So leer, dass es immer lauter herausschreit, dass niemand was zu sagen weiß. Es gibt ja auch nichts zu sagen. Es gibt nichts, was es besser machen kann. Anderen scheint es schwer zu fallen, das zu akzeptieren.

Außerdem dieser Drang, Siegen zu verlassen. Ich wusste immer, dass ich hier nicht bleiben würde. Habe da nie ein Geheimnis draus gemacht. Generell gibt es keine Stadt, von der ich sagen würde, dass ich dort für immer bleiben werde. Wieso sollte ich auch? So viele Möglichkeiten. Was bringt es, sich an eine Stadt zu binden? Ich suche nichts. Deswegen kann ich nirgends etwas finden. Aber man spürt, wenn man fertig mit etwas ist. Wenn es einen weiterzieht, um Neues zu entdecken. Ich bin fertig mit Siegen. Wäre das Masterstudium nicht, wäre ich schon hier weg. Kurz überlegte ich, darauf zu scheißen. Es gibt so viele, die es auch ohne Masterstudium geschafft haben. Auch ganz ohne Studium. Aber ich mag es nicht, Dinge abzubrechen. Außerdem interessiert mich das Studium, was ich von dem vorherigen nicht unbedingt behaupten kann. Trotzdem hab ich es durchgezogen, also wird ich das jetzt auch noch mal schaffen. Aber die Zeit bis zum Ende scheint greifbarer. Das Neue steht vor der Tür und wartet, ich muss nur noch den Gang entlang laufen, ehe ich sie öffnen kann. Gut, dass es nicht davon rennt.


  1. Ach, mein Kind, was soll ich sagen? Du wirst Deinen Weg finden, er wird Dich finden…
    Du weisst ja, ich mach mir nicht viel aus Risotto, habe es aber immer gerne für Euch zubereitet. Später wirst Du es vielleicht für Deine Familie öfters kochen und die Erinnerung wird Dir erhalten bleiben. Meine Oma ist schon lange, lange tot und erst heute morgen habe ich mit Tränen in den Augen in meinen Erinnerungen geschwelgt. Als ich noch ein kleines Kind war und geborgen bei ihr aufwuchs. Und ch war so traurig. Vielleicht muss man sein ganzes Leben lang trauern, ich weiss es auch nicht. Aber eines ist ganz wichtig: Darüber nicht die Freude am Leben verlieren. Ich hab Dich lieb und ich bin sehr stolz auf Dich, Du schaffst alles, was Du willst! – Schliesslich bist Du meine Tochter :-)

  2. In “Momo” gibt es den Straßenkehrer, der sagt: Die Straße wird nicht schneller sauberer, wenn ich schneller fege. Es geht nur so: Mach immer einen Schritt nach dem anderen. – Das kannst du auf vielerlei in deinem Leben ummünzen. Trauer geht langsamen Schrittes. Das ist okay. Und sein Leben neu zu orientieren und seine Stadt zu verlassen, ebenso. Du wirst gehen, Hannah. Nur eben einen Schritt nach dem anderen. Die Leute, die die Straße auf einmal fegen, finden wir nämlich doof ;-)