Ach, Geburtstage

Ach, Geburtstage
Mein Dad mochte seinen Geburtstag nicht. Zumindest hat er immer so getan, als würde er ihn hassen. Schon Wochen vorher fing er an, uns daran zu erinnern, dass er sich nichts wünscht. Dass er auf keinen Fall will, dass wir jemanden einladen. Geschenkt haben wollte er auch nichts. Manchmal machte er Witze darüber, dass wir ihm ja Socken schenken können. Generell sind Socken auch gar kein so unpraktisches Geschenk, wie man denken könnte. Jeder braucht schließlich Socken. Geschenkt haben wir ihm trotzdem nie welche. Und immer, wenn sein Geburtstag dann da war, hat er sich über Anrufe, Kuchen und Besuch gefreut. Ganz gebauchpinselt saß er dann am Tisch im Garten; wie ein Hahn im Korb, der stolz über seine Familie wacht, umgeben von seinen Schwestern, seiner Mutter, seiner Frau und seinen Kindern.
Ich höre nicht auf, ihn zu vermissen.
Heute ist es besonders schlimm. Schon der zweite Geburtstag von mir, den er verpasst. Der zweite Geburtstag, der ohne einen Anruf von ihm vergeht. Ein Anruf, bei dem er angekündigt hätte, dass er mich ins Maredo einladen wird, nachdem ich mir in so ziemlich der größten Buchhandlung Düsseldorfs hatte aussuchen dürfen, was auch immer ich wollte. Es war wie ein Spiel zwischen uns: Er gab mir freie Hand und sagte, ich soll mir aussuchen, was ich will, aber statt wahllos alles einzupacken, wählte ich meine Bücher immer mit Bedacht. Das wusste er. Sonst hätte er mir büchersüchtigem Wesen niemals so einen Freifahrtschein gewährt.
Er beobachtete meine Bücherauswahl immer sehr genau.

Es kam nicht oft vor, dass er seinen Unmut äußerte, aber bei jedem Autor, der ihm unbekannt war, fragte er nach, was der so schreibt. Schon seitdem er mir Updike, Irving, Thompson, Burroughs, Salinger und all die großen Schreiber an die Hand gegeben hatte, hatte er ein Auge darauf, was ich selbst aussuchte und es gefiel ihm.

Ich hasse das Gefühl, meine Geburtstage weiterhin ohne ihn verbringen zu müssen. Ich hasse das Gefühl, glücklich wirken zu sollen, weil ich Geburtstag habe, obwohl mein einziger Gedanke ist, dass er nicht da ist. Er ist nicht da und er wird auch nie mehr da sein. Und (m)ein Geburtstag ist doch auch nur ein Tag von vielen.

Übrigens wurde ich um 11:25 geboren, wog 3530g und war winzige 50cm klein.

  1. Alles Liebe zum Geburtstag ! Wer sagt, dass Du glücklich wirken sollst? Toll, wenn Du schreibst, dass Dein Vater sich für die Literatur, die Du liest, interessiert hat. So weißt Du auch jetzt, was er sagen würde zu Deiner Auswahl und das es ihm gefallen würde.

  2. Du wurdest um 11.25 h geboren, warst winzig klein und das schönste Baby auf der ganzen Welt! Ich hab Dich lieb und ich vermisse Deinen Vater auch. Aber wir denken einfach an ihn und so ist er nie ganz weg. Ich freu mich auf morgen.
    Deine Mama

  3. Ich hatte noch nie so ein schlechtes Gewissen, jemandem alles Gute zum Geburtstag zu wünschen :(
    Und trotzdem: alles Gute zum Geburtstag! ;D

  4. Liebe Hannah,
    liebe Grüße zum Geburtstag nachträglich!
    Dein Beitrag ist mir nahe gegangen. Und ich würde gerne sagen: “Ich verstehe, wie du dich fühlst.” Aber das wäre gelogen. Vielleicht kann ich sagen: “Ich sehe, wie sehr er dir fehlt.”
    Und ohne dich zu kennen, erkenne ich dich als Hannah, als eine, die gerade Geburtstag hatte und ihren Vater vermisst.

    Manche Dinge werden nie ganz heile werden, man lernt mit ihrem Schmerz zu leben, und es macht das ganze nur viel schlimmer, wenn man die Sprache benutzen würde, in dem Versuch die Risse kleben.

    Manchmal aber sind Worte,das einzige,was uns noch bleibt, um inneren Schmerz nach außen zu leiten, wenigstens ein wenig.

    Jetzt habe ich viel gesagt,wo es eigentlich keine Worte gibt. Aber wie hättest du mein Schweigen verstehen können?
    Liebe Grüße! Maryam