Eingeladen sein, Einladung annehmen, freuen, sich zurecht machen, einen gemütlichen Abend erwarten, was Schönes mitbringen, losfahren, ankommen und dann der Schock: In der besuchten Wohnung gibt es kein einziges Buch! Okay. Hier und da mal ein Notizbuch, vielleicht auch ein oder zwei Kochbücher in der Küche, aber sonst? Kein Regal, bei dem sich die Bretter durchbiegen, weil so viele oder so schwere Bücher darauf stehen, kein offenes Buch neben einem Lesesessel, kein Buch mit Eselsohren, weil man es immer in der Tasche mit sich herum getragen hat und kein Buch, bei dem der Rücken schon fast bricht, weil es sogar schon zwei Freunde gelesen haben oder ein Familienmitglied vererbt hat.
Solche Wohnungen erscheinen mir auf eine Art und Weise immer kalt. Es ist nicht immer so, dass ich es direkt bemerke, dass in der Wohnung nicht ein einziges, nicht mal ein kleines Bücherregal steht. Meist merke ich es erst danach, wenn ich darüber nachdenke, wieso ich mich nicht so richtig wohlgefühlt habe. Ich glaube, dass bei Menschen, die keine Bücher lieben oder sie sogar verachten etwas schief gelaufen ist. Vielleicht schon in der Kindheit. Als Kind habe ich Bücher verschlungen. Mein Vater hatte immer ein Neues auf Lager, wenn das Alte ausgelesen war. Am intensivsten erinnere ich mich an das Buch „Die Moorgeister“, dtv-Verlag, Taschenbuch. Ich las es eins im Urlaub an der deutschen Nordsee. Eigentlich war es, als hätte ich eine Geschichte erlebt und nicht, als läge ich irgendwo und hätte Zeilen verschlungen.
