Als ich irgendwann meine Teenager-Pubertät überwunden und wieder auf halbwegs normale Bahnen zurückgefunden hatte, gab meine Mama mir ein Buch. Groß und klobig, mit einem dieser marmorierten Einbände, von denen ich irgendwann mal wusste, wie man sie herstellt – heute aber nicht mehr. In dem Buch bin ich. Sie hat alles gesammelt, was mich betraf – vom ersten Tag an, bis zu dem Tag, an dem sie mir das Buch gab. Darin sind Kinderfotos, Glückwunschkarten (ich versteh bis heute nicht, wieso auch Glückwunschkarten von Johannes Rau und Franz Josef Strauß dabei sind), eine Haarlocke von meinem kleineren Ich, ein Lätzchen und ganz vereinzelt zwischen all dem befinden sich kurze Texte von meinem Dad. Nie viel, weil das Buch die Sache meiner Mama war. Mein Dad war so nicht. Ihm gefiel sicher die Idee dahinter, etwas für die Ewigkeit zu konservieren. Die Vergangenheit festzuhalten, um später in ihr blättern zu können. Aber ihm fehlte die Disziplin und Kontinuität meiner Mama. Mama ist so eine, die etwas tut, wenn sie es sich vorgenommen hat. Papa und ich gehören eher zu der Sorte Mensch, die innerhalb von Sekunden ganze Städte aus Glas und Traum errichten, um sie nur einen Atemzug später wieder einstürzen zu lassen, weil wir diesen Schritt nicht gehen, der zwischen Vorstellung und Verwirklichung liegt.
“Für Dich, liebe Hannah, als kleine Erinnerung an Deine ersten Jahre.” steht auf der ersten Seite des Buches in der ordentlichen Schrift meiner Mutter, die sich bis heute kaum verändert hat. Darunter ein Bild von mir, winzig klein in einer weißen Wiege liegend, die auf einer Wiese steht unter einem Busch mit roten Blättern, weil ich ein Herbstkind bin. “Das hübscheste Baby der ganzen Station.”, sagt Mama immer, wenn wir darüber sprechen. Es ist eines dieser Gespräche, das sich in all den Jahren nie geändert hatte.