Ich setz mich dann mal in den ökumenischen Beichtstuhl, blicke leicht verschämt zu Boden und fange an mit dem Großen Anderen zu reden. Mittlerweile bin ich ja der Überzeugung, dass man seine Worte nicht an die Allgemeinheit, sondern in erster Linie an sich selbst richtet. Ich spreche nicht mit euch, sondern mit mir, aber tue so als ob ihr das Ziel meiner Ausführungen seid. Also mit “ihr” meine ich “man”, egal wen. Darum hört man ja (ich zumindest ab und an) bei Diskussionen auch nur mit einem halben Ohr zu und überlegt schon die Gegenargumentation. Dauernd bestätigt man die eigenen Gedanken. Laut geführte Selbstgespräche also. Um zu sehen, dass ich nicht lüge, solltet ihr mich einfach stalken: entweder wenn ich im Auto sitze (da führe ich komplette Konversationen, in dem ich dem Trottel im Auto vor mir eine Stimme gebe und seine Gedanken laut vor mich hinspreche: “Oh, achja, hier darf man ja 30 fahren. Achso, dann muss ich ja in den dritten Gang schalten. Hoffentlich stört meine Talentfreiheit nicht den restlichen Verkehr. Aber schon komisch, dass vor mir freie Bahn ist und hinter mir eine ganze Kolonne fährt”) oder Ich beim Einkaufen; da könnt ihr dann hören, wie ich die Einkaufsliste vor mich herbrumme und ab und an noch “Ahja, Activia, genau. Schade, dass es wieder so teuer ist. Gott, die haben ja hier nur die Naturvariante, die schmeckt mir nicht.” Pause, zwei Schritte nach rechts, das Kühlregal überbrummt mich, dann: “Oh yeah, Milch Schnitte”. So geht das ununterbrochen weiter. Von daher bin ich dafür, den Beichtstuhl lieber gleich im Internet zu platzieren. So habe ich immer noch eine Ausrede: Lesen ja schließlich genug Leute mit. Eine nette Taktik ist das auch. Wenn man Leute andauernd mit Banalitäten volllabert, dann denken diese einerseits, sie wüssten über mich Bescheid (was zu gewissen Teilen bestimmt auch zutrifft) aber verpassen andererseits, dass man damit durchaus Interesse lenken kann. Wie ein guter Regisseur z.B. immer Nebenkriegsschauplätze einführt und man irgendwann die Orientierung verliert. Ich hätte mich echt bewerben sollen, diesen fehlenden Haken auf der To-Do Liste werde ich ganz bald bereuen; spätestens dann, wenn die Ablehnung von der DJS eintritt. Na ja. Karriere ist ohnehin langweilig. Passt nicht zu mir. Ich habe ohnehin das Gefühl, dass ich irgendwann, aus ganz unbestimmten Gründen, einen Run auf alle Fettnäpfchen der Welt starte und mich hinterher den Steppenwölfen anschließe.
Im Ernst, ich brauch kurz ein wenig Rückmeldung, ob ich wirklich so verfreakt bin oder ob wir alle ein wenig Freak in uns haben und uns dafür schämen müssten, dass immer noch keine Gedankenlesemaschinen (#wasfehlt) erfunden worden sind? Hier ein Beispiel: Jedes Mal (!) wenn die S-Bahn in den Bahnhof einfährt (es sei denn, ich bin ausgesprochen müde oder höre gerade ein extrem gutes Lied) , stelle ich mir vor zwei-drei Schritte zurück zu gehen, Anlauf zu nehmen und über die Gleise zu springen. In meiner Vorstellung sieht das dann so aus, dass ich am höchsten Punkt dem S-Bahnschaffner in die Augen sehen kann, dort eine ungemein fiese Grimasse ziehe und dann, bevor die S-Bahn mich erreicht, auf dem nächsten Gleisbett aufkomme. Unverletzt. Als ich in der fünften Klasse war, hatte ich sogar so einen Traum. Da waren alle um mich rum in einem Astronauten-Kostüm (die Schläuche verbanden sich mit einem Punkt unendlich weit weg) und wir alle haben S-Bahn-Jumping gespielt. Die S-Bahnen sind mit voller Fahrtgeschwindigkeit an uns vorbeigesaust, während wir mit Mond-Schwerkraft in Zeitlupe über die S-Bahnen gesprungen sind. Hat natürlich bei jedem geklappt, nur als ich rübergesprungen bin, habe ich übersehen, dass von der anderen Seite ein ICE heranrast. Der hat mich dann mitgerissen. Und solche Gedanken/Träume habe ich immer. Was weiß ich, lauter so Müll. Die Frage ist jetzt, ob ich damit alleine wirklich stehe oder ob das normal ist, ihr also auch so etwas denkt und wir uns eingestehen müssen, dass es schon seinen Grund hat, warum wir nie solche Ideen durchziehen.