Der wohl am häufigsten zitierte Spruch im Bereich des Marketing, soweit ich das aus ca. 100 Interviews, an denen ich teilgenommen habe, einschätzen kann, ist: “Es gibt keine falsche und keine richtige Meinung.” Hier ist der Kunde noch der sagenumwo(r)bene König, das heißt, seine Meinung Haltung gilt es erst anzunehmen, dann zu respektieren und schlussendlich in der Formulierung des neuen Strategiekonzeptes zu beachten. Boulevardblätter verzichten deshalb nicht auf Klatsch und Tratschgeschichten, weil ihre Klientel unter anderem genau das lesen will, auch, und gerade weil es sie aufregt, was so in der atemberaubend verführerisch glitzernden Luxuswelt alles schieflaufen kann. Die Bunte re-agiert, sie nimmt ihre Funktion als Meinungsmacher erst passiv an, bevor sie aktiv dafür eintritt. Und ich glaube, dass es Sinn macht, dieses Konzept auf die aktuelle1 Debatte, Internet vs. Printmedien, anzuwenden. Ich nehme mich selbst als Beispiel und spiele das mal durch. Doch erst ein paar Vorüberlegungen zu den Medien an sich.
1.) Dass die Ausländer des Internets, die Online-Postillen von etablierten Fachblättern, gerne alles Fremde außen vor lassen, darauf hatte ich hier schon hingewiesen. Das geschieht natürlich aus einem strategischen Kalkül heraus. Wenn die SZ auf die Seite eines Konkurrenten verlinkt, dann besteht die Möglichkeit, dass der Kunde eventuell damit anfängt, in fremden Gewässern zu fischen. Dass sich so etwas aber die Waage halten könnte, rein theoretisch gesehen, das wird aus mir unerfindlichen Gründen nicht mitgedacht. Wenn “der Freitag” online einen guten Artikel veröffentlicht und dieser dann auf Spiegel Online verlinkt wird, dann bekundet ein Journalist seinem Arbeitskollegen eben den ohnehin zu erweisenden Respekt. Die unterschwellig mitklingende Annahme, der SPON-Leser würde das als Aufforderung verstehen, ein wenig mehr auf der SZ Seite zu stöbern, ist hirnrissig angesichts der Tatsache, dass nur die wenigsten Menschen sich auf einer einzigen Nachrichtenseite informieren. Warum nicht also verlinken und in einen produktiven Dialog eintreten? Auch wenn mir Thierry Chervel grundlegend unsympathisch ist, hat er doch in seinem Beitrag zur Islamdebatte alle besprochenen Meinungen verlinkt und dem Leser somit die Möglichkeit gegeben, sich selbst durchzuklicken und anschließend zu schauen, ob und welche Position man bezieht Dass ich Chervel jetzt unsympathisch finde, ändert nichts an der Richtigkeit seiner Vorgehensweise.