Ich weiß noch, als ich gestern Nacht die Augen schloss .. das letzte, was ich sah, waren die Schneeflocken. Es war keiner dieser Schneefälle, die leise und rieselnd fallen, es war mehr .. eine Lawine, die leise knisterte, sobald sie den Boden berührte. Zusammen mit dem Bild wiegte mich der Gedanke, dass die Busfahrt am kommenden Morgen grausam werden würde in den Schlaf, der – nebenbei bemerkt – genauso kurz und unbefriedigend war, wie in den letzten Nächten. Irgendwann wachte ich auf – ich schlafe nie durch – und hörte dieses typische Geräusch, das eine Bierdose erzeugt, wenn sie gegen eine Hauswand geschleudert wird. Man könnte ja meinen, die Leute würden sich andere Nächte aussuchen, um ihre Bierdosen lautstark loszuwerden, immerhin wissen die doch, dass ich dienstags um 7 aufstehen muss. Interessiert nur keinen. Naja, ich schlief wieder ein – natürlich tat ich das – und wachte irgendwann erneut auf. Da war ich dann schon reichlich genervt. Es war nur eine halbe Stunde vergangen und noch immer machte der Bierdosenmann auf sich aufmerksam. Dachte ich. Ich war wirklich davon überzeugt, davon aufgewacht zu sein, aber als ich die Augen diesmal öffnete, flackerte blaues Licht an meiner Wand. Blaues Licht, das nur zwei mögliche Erklärungen haben konnte: a) Die Aliens waren gekommen, um mich zu holen und irgendwas ekliges mit Analsonden anzustellen oder b) Die Polizei stand vor meiner Tür. Angst machten mir beide Gedanken. Die Alienangst war mehr so eine urinstinktische, die einen dazu verleitet, die Decke enger um den Körper zu ziehen und zu hoffen, dass sie einen nicht sehen, während die Polizeiangst auf den Sünden meiner Jugend aufbaute, die mich lehrten, dass der Satz “Die Polizei: Dein Freund und Helfer” eine boshafte Lüge ist!
Leise schlich ich Richtung Fenster und ich bin mir sicher, dass in diesem Moment einige Omas aus den Nachbarhäusern ebenfalls dorthin schlichen. Tatsächlich stand da ein Polizeiwagen. Tatsächlich war sein Blaulicht an und warf gruselige Muster auf die Häuserwände. Und tatsächlich war da der Bierdosenmann, der von den “netten Helfern” in grün – oder inzwischen blau – abgeführt wurde. Armer Kerl, hatte mich zwar wachgehalten, aber wem wünscht man schon, von der Polizei abgeholt zu werden? Ich machte das Fenster zu – hey, sorry, ein wenig Schlaf wollte ich noch haben, ihr könnt nicht verlangen, dass ich das bis zum Ende hin beobachte – ging wieder in mein Bett und .. schlief, ja. Bis 7 Uhr schlief ich mehr oder weniger durch, aber dieses Gefühl, dass flackerndes Blaulicht in mir auslöst, ist geblieben. Das sind diese Momente im Leben, wo man sich einbildet, zu wissen, wie sich die Ghettoleute aus äh dem Ghetto und so fühlen, nachdem sie jemanden abgestochen haben und genau wissen, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die Polizei einen holt. Nicht, dass ich jemanden abgestochen hätte oder haben könnte. Ich bin so schwächlich, dass ich selbst meine 1,5 Liter Flasche Volvic kaum mit einer Hand halten kann, sofern sie noch voll ist. Aber darauf kommt es ja nicht an. Es ist diese Schuld, die jeder mit sich herum trägt. Die Kleinigkeiten, die täglich vorkommen und sich an den Grenzen der Legalität entlang bewegen, so haarscharf, dass – ganz unbewusst und so – ein winziges schlechtes Gewissen zurückbleibt, das dann im Laufe des Tages immer mehr Zuwachs erhält, bis ich mir letztendlich wie ein Schwerverbrecher vorkomme. Ist normalerweise keine Problem, aber sobald ich ein Blaulicht sehe, eine Polizeisirene höre oder zwei Polizisten auf Streife an mir vorbei schlendern .. Tja, da zieh ich innerlich den Kopf ein, will mir die Augen zuhalten und dem alten Kinderglauben verfallen, dass niemand mich sehen kann, solange ich ihn nicht sehe.