Er hielt den sicheren Tod zwischen seinen Händen, doch die nächsten 10 Minuten würde der kleine Mann, bald schon wird er 9 Jahre alt, in komplett unbekümmerter Manier eine schnöde Zweispurstraße angrinsen. Die Fäuste hielt er unbewusst, aber nichtsdestotrotz in permanenter Bewegung; klar, -10 Grad und pulsierendes Blut als verlässlicher Wärmespender, das hätte man zu einem überzeugenden Argument ausschmücken können. Aber Pappschneereste, die dem noch zu sanften, weil kindlichen, Druck seiner Hände entfliehen konnten, sprachen Bände. Es würde also nicht seine Schuld werden, ganz egal was. Kurz blickte er nach links und sah die blutroten Quadrataugen der städtischen S-Bahn verschwinden in einer undefinierbaren Suppe aus Nebel, Schneeregen und Kurzsichtigkeit. Das war dann auch der einzige Moment, in dem er sein Grinsen ablegte und einen leisen und gänzlich unschuldigen Fluch ausstieß. “Scheißenkleister.” Als ein nichtsahnender Passant unter der Brücke durchging, den Kopf nach oben wandte und einen flüchtigen Blick auf Tim warf, musste er instinktiv an “Alice im Wunderland” denken. Nur gespentisches Grinsen, völlig unabhängig vom Restgesicht. Und zwei Fäuste, die eine handvoll Pappschnee formten.
Zeit erstarrt und ist im Prinzip der eigentliche Grund für seine, deine und evtl. auch meine Unflexibilität. Erst recht bei Heinrich, von dem wir bald nur noch in der Vergangenheitsform sprechen werden. Soeben greift er ein paar Takte zu zielstrebig in den zweiten Briefkasten von links, Reihe 3 von 8 und reißt die Titelseite der Morgenzeitung ganz von selbst in Stücke. Heinrich, der Reißwolf. Auch beim Laufen stets im Stechschritt, als er in seine beigemetallic-farbene Luxuskarosse steigt. Statt der gewünschten Doppelhaushälfte hat er sich für einen schnittigen Sportwagen entschieden. Die Probleme des Biedermeier sind die Gleichen geblieben, nur die Alternativen änderten sich beinahe unmerklich. Heinrich begrüßt seine Frau, die in der Zwischenzeit ihren außerhäuslichen Pflichten nachgegangen war und den Motor anließ, um im Anschluss auf den Beifahrersitz auszuweichen, kurz und formal. “Morgen. Fahren wir. Sind spät dran.” Maries Wange blieb unberührt. Ihr Herz ebenfalls.