Rumpelstilzchen

16.03.10

Der blaue Rauch hängt träge in der Luft und ich blicke auf ihre ineinander verschränkten, verknoteten und kunstvoll hochgesteckten Beine. Lange Beine, wie die eines jungen Fohlens. Oder einer jungen Giraffe. Irgendwie so war der Ausdruck, den die Leute benutzen, um sie zu beschreiben. Ich ziehe Kackstelzen vor und schaffe es, bei der Benutzung dieses Wortes all meinen Neid in Hass zu kleiden und es verächtlich hervorzustoßen, ehe ich wahlweise in Lachen oder Tränen ausbreche – völlig willkürlich, aber erschöpfend regelmäßig, sodass eine Uhr danach stellbar wäre. Schade nur, dass ich keine Uhr besitze. Natürlich besitzt sie eine. Bei ihren schlanken und wundervollen Handgelenken wäre es eine Verschwendung, würde sie sie nicht mit einer Uhr und einigen filigran geschmiedeten Armbändern zieren. An meinem Handgelenk hängt ein Haarband. Eins, dass eigentlich in meine widerspenstigen Zottel sollte, nun aber meinen retro individuellen Schmuck darstellt, den ich voller Stolz trage oder auch nicht, was ich tun würde, wenn ich Stolz hätte, den allerdings mein Hund fraß, der das Wort „Vintage“ verschonte, mit dem ich nun um mich werfen kann.

(Bild Via)

Ihre Haare sind wie flüssiges Gold. Eigentlich bräuchte sie keinen Schmuck, immerhin hat sie diese Haare. Oder sie bräuchte keine Haare, immerhin hat sie diesen Schmuck. Giftpfeile mit den Augen abschießend – ich bilde mir ein, diese Fähigkeit zu besitzen und bin froh, dass kein Spiegel mir beweist, dass ich bloß aussehe, als müsst ich pupsen – betrachte ich sie, ihre langen Beine und ihr flüssiges Gold. Rumpelstilzchen wäre hier überflüssig gewesen. Meine einzige Hoffnung ist, dass sie dumm wie Stroh ist. Entschuldigung, ich meinte Brot. Das Stroh kam noch von Rumpelstilzchen, eventuell stellte ich sie mir auch kurz in diesem Porno vor, wo noch in einigen Jahrhunderten das überraschende und überraschte Stroh liegen wird, aber ich meinte Brot. Dumm wie Brot. Der Mythos des dummen Topmodels ist wichtig. Wichtig für kleine Frauen wie mich, deren Beine zu kurz sind, um vom hochgestellten Business-Drehstuhl aus den Boden zu erreichen. Stattdessen lasse ich sie baumeln, schwebe in der Luft und erfreue ich an meiner Intelligenz, die das doofe Topmodel nie besitzen wird, das einfach nur schön ist. Schön und unkantig. Wer will schon so eine.1

  1. Das war eine rhetorische Frage.

Kategorie: Kurzgeschichte

Vielleicht, wenn alles anders wäre ..

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