Heartland – Joey Goebel

18.01.10

Ich finde es immer schwierig, wenn andere mir erzählen wollen, wie ein Buch gewesen ist. Es gibt Menschen – wenige, wie ich anmerken möchte – denen ich blind jeden Buchtipp abnehmen würde, einfach aus dem Grund, weil ich weiß, dass entweder a) deren Buchgeschmack mit meinem übereinstimmt oder b) deren Auswahl gar nicht falsch sein kann, weil sies einfach drauf haben. Abgesehen von diesen wenigen Personen, die man tatsächlich an einer Hand abzählen kann, gibt es jedoch niemanden, dessen Tipps mich zu einem Buchkauf veranlassen würden. Das beste Beispiel ist wohl Amazon mit seinen unzähligen „Rezensionen“ zu diesem oder jenem Buch. Wenn ich ein Buch will, interessiert es mich nicht, was andere darüber sagen. Und so war es auch mit „Heartland“ von Joey Goebel.

Bereits vor einigen Monaten hatte ich das Buch „Vincent“ von ihm gelesen. Ohne viel Lobhudelei sei gesagt: Ich war begeistert. Ich war so begeistert, dass ich, als das „Heartland“-Buch erschien, monatelang immer wieder daran vorbei schlich, in dem Wissen, dass ich es mir – irgendwann – kaufen werde. Nun habe ich es und musste gar nichts dafür zahlen – das allein ist schon grandios. Generell muss gesagt sein, dass meine Erwartungshaltung extrem hoch war. Wie gesagt verliebte ich mich sofort in das Buch „Vincent“ und eben solche Erwartungen hatte ich auch an „Heartland“.

„Heartland“ ist allerdings in keinster Weise mit „Vincent“ vergleichbar. Es geht um die Mapother Familie, die bereits zu Beginn des Buches in zwei Fraktionen gesplitted wird: Blue Gene Mapother, das schwarze Schaf der Familie, auf der einen Seite und sein Bruder John Mapother, der stets das Lieblingskind war und nun seine Bestimmung verwirklichen soll: Politiker werden. Die beiden Brüder könnten unterschiedlicher nicht sein: Während Blue Gene nach außen hin den Penner verkörpert, ärmellose Hemden trägt, die seine Tätowierungen der Öffentlichkeit preis geben, in einem Trailer lebt und Kinderspielzeug auf einem herunter gekommenem Flohmarkt verkauft, verkörpert John den typischen, amerikanischen Saubermann, der, stets adrett gekleidet, selbstverständlich als Firmenchef in Papis Firma arbeitet, Leute auf typische Politikerart begrüßt (Hand geben, rauf, runter, rauf, runter, loslassen) und mit seiner Frau und seinem Sohn Arthur glücklich zusammen lebt. Somit sollten die Verhältnisse geklärt sein, nicht wahr? Wir haben den normalen John auf der einen und den abgefreakten Blue Gene auf der anderen Seite und das Buch kann seinen Lauf nehmen, denkt ihr. So einfach ist das alles aber nicht, denn so normal, wie John auf den ersten Blick wirkt, ist er gar nicht:

Arthur wand sich in Johns Armen, so dass er seinen Vater noch fester packen konnte. „Uh, Daddy! Du bist ja ganz nass. Eklig!“ John stellte Arthur auf den Boden, und alle kicherten. Er spürte, wie seine Ohren an den Rändern rot anliefen, das Zeichen dafür, dass er jeden Moment eine (ein anderes Wort dafür kannte er nicht) Hitzewallung haben würde. „Also, Leute, hat mich sehr gefreut. Ich bring ihn jetzt besser zur Toilette.“ Dann nahm er Arthur an der Hand und ging mit ihm in Richtung Civic Center.

„Also, Arthur, was habe ich dir zum Theme >mich in Öffentlichkeit in peinliche Situationen bringen< gesagt?“ – „Du hast gesagt: Mach das nicht. Aber Daddy, warum bist du so nass?“ – „Weil ich schwitze! Es ist heiß hir draußen. Bring mich nie wieder so in Verlegenheit! Erwähne nie gegenüber anderen, wie sehr ich schwitze.“ – “ ‚tschuldigung.“

„Ist schon in Ordnung. Mach’s halt nie wieder. Niemand lässt sich gern in peinliche Situationen bringen.“ – „Aber du bist immer in peinlichen Situationen.“ – „Nicht immer. Nur in der Öffentlichkeit.“

(Heartland – Joey Gobel)

Und auch Blue Gene ist kein so stumpfer Charakter, wie man nach den Schlagworten „prollig, Trailer, Tätowierungen“ etc. erwarten könnte:

Tagein, tagaus umgab ihn eine Wolke der Unzufriedenheit, änhlich dem Gefühl, das man verspürt, wenn man aus dem Dunkel eines Kinos in das ernüchternde Tageslicht tritt, wo alles noch genauso ist wie vor dem Kinobesuch. Nur das Blue Gene Mapother dieses Gefühl nie abschütteln konnte.

(Heartland – Joey Goebel)

Die Untiefen von Johns Charakterzügen werden auf den ersten Blick deutlich: Ein kleiner Soziopath, der sich hinter dem Saubermann-Image verbirgt und als Politiker natürlich anstrebt, was alle Politiker anstreben: Den Weltfrieden, den er zu seiner (christlichen) Bestimmung erhebt und auch die feinen Justierungen von Blue Genes Gedankengängen bleiben nicht auf der Strecke, sodass das Buch allein durch diese beiden Charaktäre eine gewisse Eigendynamik entwickelt.

Sofern man bei Goebels zweitem Buch – bzw. drittem, aber „Freaks“ las ich noch nicht :D –  schon von typischen Charakteristika sprechen kann, bliebe folgendes Fazit zu ziehen: Auf überspitzte, zynische und leicht bemitleidende Art und Weise baut der Autor seine Figuren auf, verpasst ihnen ein Image, das „jeder so von ihnen erwarten würde“ und verhindert doch, dass man das Buch nach einigen Minuten gelangweilt weglegt und sich darüber ärgert, eins dieser „typischen Bücher“ gekauft zu haben. Goebel konzipiert seine Figuren auf so talentierte Weise, dass deren Handlungen einen schon nach wenigen Seiten in den Bann ziehen. Sie wirken lebendig, sie wirken echt, sie wirken authentisch, ja, beinahe existieren sie.

Preis vs. Leistung:

75%

Mit 22,90€ (gebundene Ausgabe) doch sehr teuer.

Schreibstil:

85%

Sehr schön geschrieben, ist aber durchaus noch Platz nach oben.

Story/Idee:

80%

An sich keine besondere Idee, die jedoch schön umgesetzt wurde.


Kategorie: Rezension

Vielleicht, wenn alles anders wäre ..

Social Bookmarks
  1. Melli

    Gehör ich dazu ? :D

  2. Roman Held

    ‚Vincent‘ ist eines der besten und mir eines der liebsten Bücher, die ich das Vergnügen hatte bisher zu lesen. Als ich ‚Heartland‘ im Laden sah, war glücklicherweise Vorweihnachtszeit und Weihnachtseinkauf-Geldrationierung angesagt und ich vernünftig genug, nicht sofort zuzugreifen. Es ist noch immer eine der von mir herbeigesehntesten Neuerscheinungen, aber ich warte lieber auf das Taschenbuch. Zweifellos werde ich enttäuscht sein, dass kann ich nur sein, denn ‚Vincent‘ ist diese Sorte Volltreffer, die man nicht mit dem nächsten Schuss schon übertreffen oder benachbarn kann. Doch ich bin zuversichtlich, dass die Enttäuschung nicht so groß sein wird wie bei Donna Tartt, deren Debutroman ‚Die geheime Geschichte‘ man erhobenen Hauptes als Meisterwerk bezeichnen konnte, wohingegen ihr Zweitling ‚Der kleine Freund‘ einzig den erhabenen Stil halten konnte, jedoch nicht annähernd die Brillanz in der Komposition.
    Ich bin übrigens überrascht, dass John Irving in dieser Buchbesprechung nicht erwähnt wird. Vergleiche sind stets lästig und etwas demütigend, doch Goebel hat mich mit seinen Charakteren und seiner Charakterzeichnung oft an Irving erinnert. Nur, dass Goebel ihn dabei übertrifft. Nach dieser Buchbesprechung rechne ich zumindest damit erneut.

  3. Hannah

    @Melli: Nein, aber sei nich enttäuscht, es sind nur *nachzähl* 2 oder 3 Leute :D
    @Roman: Dem stimm ich voll und ganz zu. Ich war so begeistert von Vincent, dass meine leichte Enttäuschung nun wohl .. nun, sagen wir, sie war kwasi vorprogrammiert, ja. Wenn man ‚Heartland‘ liest, ohne mit ‚Vincent‘ zu vergleichen, ist es ein wunderbar sarkastisches und zynisches Buch – verglichen mit ist das Niveau aber – wie du sagst – nicht haltbar.
    Im Nachhinein googlete ich weitere Rezensionen und tatsächlich haben viele mit Irving verglichen – persönlich kann ich so etwas nicht leiden. Abgesehen davon, dass Goebel und Irving völlig unabhängig voneinander schreiben, ist es auch so, dass – meiner Ansicht nach – Irving sein Hauptaugenmerk auf einen Protagonisten legt, der durch das Buch führt, immer weiter herausgearbeitet wird und es in den meisten Fällen schafft, ans Herz zu gehen. Jacks Geschichte von der Suche nach seinem Vater (‚Bis ich dich finde‘) brachte mich an manchen Stellen dazu, mit dem kleinen Kerl zu lachen und zu weinen. Aber es war eben Jack um den es ging. Jack, der auf den Spuren seines Vaters wandelte und seine Mutter begleitet hat.
    Goebel hingegen arbeitet – aus schriftstellerischer Sicht – nach einem anderen Schema: Er stellt Relationen zwischen mehreren Protagonisten her und beispielsweise bei ‚Vincent‘ fände ich es vermessen, nur ihn als Protagonisten zu bezeichnen und seinen Agenten Harlan als „einfache Nebenfigur“ zu sehen. Es ist nicht nur Vincent, der durch das Buch führt, es ist ebenso Harlans Geschichte, sein Leben und sein Charakter, der die Handlungen bestimmt.
    Langer Rede, kurzer Sinn: Das ist der Grund, warum ich einen Vergleich gescheut habe. Auf eine Art lassen sich wohl viele Autoren vergleichen, aber generell finde ich, sollte man die Einzelwerke betrachten.

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